Christen sollen in Ägypten den ihnen gebührenden Platz einnehmen (Zweiter Teil)

Jahrelange Gewalt weckte ihr politisches Bewusstsein

Von Michaela Koller

KAIRO, 6. März 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Mit dem Sturz Präsident Mohammed Mursis nach der Erhebung vom 30. Juni 2013, der die Herrschaft der Muslimbruderschaft beendete, steigerten sich die Fälle von Übergriffen fanatischer Muslime Mitte August 2013 zu einer Gewaltwelle: In einer Woche waren weit mehr als 50 Kirchen der rund 15 Millionen Menschen zählenden christlichen Minderheit schwer beschädigt, viele sogar zerstört worden. Vorausgegangen waren jahrelang zahlreiche Attentate, von denen ein Reihe blutig endeten.

Armia-William-und-Mina-Nady; Foto: M. Koller

Armia-William-und-Mina-Nady; Foto: M. Koller

Junge, mehrheitlich koptisch-orthodoxe Christen waren daher schon seit Jahren wachgerüttelt und aufgestanden, um für ihre Minderheit mehr Schutz einzufordern. Sie stellten sich in Opposition zu ihrer Kirchenführung: Am 10. Mai 2011 rief der koptisch-orthodoxe Jugendbischof Moussa dazu auf, die Maspero Youth solle ihre seit März anhaltenden Proteste einstellen; natürlich war dies zum Wohle der Gemeinschaft der Christen gedacht. Hingegen verfolgte die winzig kleine Minderheit der Katholiken eine andere Politik:

„Die Kirche, besonders die orthodoxe Kirche, muss jedoch ihr eigenes Wesen entdecken und den Laien eine aktivere Rolle einräumen, indem ihnen mehr Freiheit eingeräumt wird, sich und ihren Willen zu artikulieren und wie jeder andere eine soziale und politische Rolle in der Gesellschaft zu spielen, und nicht bloß innerhalb der Kirchenmauern. Nachdem sie am Rande gelebt haben, oder besser gesagt, sich an den Rand drängen ließen, müssen Christen sich nun Parteien anschließen (besonders die liberalen), und den Platz einnehmen, der ihnen im Land gebührt, indem sie an den nächsten Wahlen teilnehmen und sich eine Meinung über die aktuelle Situation in Ägypten bilden.“ Das schrieb Pfarrer Rafiq Greiche, Sprecher der katholischen Kirche am Nil in der Juniausgabe 2011 des Magazins der Stiftung Oasis zum Dialog zwischen Muslimen und Christen.

Für ein neues zivilgesellschaftliches Selbstbewusstsein plädiert Mina Magdy, 29 Jahre alt, und von Beruf Augenarzt. „Wir haben uns nicht als Christen, sondern als Ägypter eingesetzt“, sagt er beim Gespräch mit der Autorin im Kaffeehaus im Zentrum Kairos. „Wir beteiligten uns am Verfassungsprozess“, erzählt er. Magdy engagiert sich in den vordersten Reihen der Maspero Youth und war somit auch beim Sturz des Regimes der Muslimbruderschaft um die Monatswende Juni/ Juli 2013 beteiligt. Voraus ging ein halbes Dutzend gewaltfreier Protestaktionen. „Wir greifen die Forderungen so vieler Kopten im Land auf“, betont Magdy.

Der 41-jährige Unternehmer Armia Williams hatte im Jahr 2011 regelmäßig an Demonstrationen teilgenommen. Am 9. Oktober desselben Jahres ereignete sich mit dem Maspero-Massaker eine Wende in seinem Leben, als eine Gruppe von Christen gegen die Zerstörung einer Kirche in Oberägypten demonstriert hatte: Die friedliche Sitzblockade endete in einem Blutbad, nachdem Angehörige der Sicherheitskräfte und der Armee die Demonstranten angegriffen hatten: 28 Tote beklagte die christliche Gemeinschaft am Ende; 212 Menschen erlitten Verletzungen. Williams begann, als Aktivist tätig zu werden. Es kämpfte für die Aufklärung des Verbrechens, dafür, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. „Meine Hauptsorge gilt zudem der öffentlichen Gleichberechtigung der Christen“, sagt er. Noch immer werden seine Glaubensgeschwister in einigen Berufen benachteiligt, darunter im Bereich der Hochschullehre sowie bei der Leitung der Regierungsbezirke.

Der 24-jährige Mina Nady wurde schon mit 16 Jahren durch Fälle religiös motivierter Gewalt gegen christliche Glaubensgeschwister aufgerüttelt, über die er aus dem Internet erfuhr. Er begann dann auch als Schüler, sich Demonstrationen junger koptischer Männer anzuschließen. Seinen Weg zur Maspero Youth fand er mit dem Attentat auf die Kathedrale in der Hafenstadt Alexandria zum Jahreswechsel 2011: „Zwei Tage später fand eine große Demonstration in Kairo-Shobra statt. Ich sah dort, wie die Polizeikräfte uns angriffen. Das war kurz vor der Revolution.“ Seine Familie ließ den damaligen Schüler in der Folge natürlich nicht zum Tahrir-Platz ziehen, wo Hunderttausende Protestierende für Freiheit und Würde einstanden. Große Probleme mit seiner Familie nahm er in Kauf, als er sich doch zu ihnen schlich. Er harrte dort mit den anderen Revolutionären schließlich bis zum Ende aus.

Dieser Erfahrung ebnete ihm den Weg zu seinem Einsatz für die Maspero Youth in den darauffolgenden Monaten. Am 9. Oktober 2011, als sich das Massaker vor dem staatlichen Fernsehhochhaus ereignete, war er unter den Demonstranten. „Danach entschied ich mich ein Aktivist zu werden und mich für die Anliegen stark einzusetzen.“ Alle drei Führungskräfte der Maspero Youth sind sich einig: Jahrzehntelange religiös motivierte Gewalt hatte sie politisiert und den Weg geebnet für eine herausragende Beteiligung der Christen zum Sturz des islamistischen Experiments der Muslimbruderschaft. Aus diese Erfahrung schöpfen die Christen Kraft für die Gestaltung der Zukunft des Landes, als Salz der Erde und Licht der Welt.

(Der erste Teil dieses Beitrags erschien am 27. Februar.)

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