Katalysator einer gemeinsamen missionarischen Pastoral

Treffen geistlicher Gemeinschaften im Münchner Erzbistum

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 6. März 2015 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx hat sich am vergangenen Wochenende zum dritten Mal mit Vertretern der Geistlichen Gemeinschaften getroffen. Bei der diesjährigen Begegnung würdigte ihre besondere Rolle in der Evangelisierung als „ein kostbares Geschenk“: „Laien sind keine Ersatzpriester“, betonte der Kardinal in seiner Predigt in der Münchner Pfarrkirche St. Joseph. Alle Getauften hätten eigene Charismen, sagte er weiter. Deshalb solle nicht, wie er das aus Gemeinden zuweilen höre, gefragt werden, was fehle, und damit nur nach unten geschaut werden. „Das ist deprimierend“, warnte er. Vielmehr sollten Christen auf die Charismen, die schon gegeben seien, blicken. Statt über den Priestermangel zu klagen und ersatzweise Laien deren Arbeiten machen zu lassen, sollten sich die Gemeinden stärker auf die vorhandenen Begabungen und Ressourcen besinnen. Die österliche Bußzeit lade dazu ein, „sich neu auf den Weg der je eigenen Berufung zu begeben“, sagte Marx.

Geistliches Leben setze voraus, dass man sich für die Wirklichkeit Gottes öffne. Es stelle sich die zentrale Frage, wie die Menschen zu einem geistlichen Leben geführt werden könnten, zur Freude im Gebet, die sich auf das Leben überträgt und für das Geheimnis Gottes öffne. Kern des Glaubens sei die Erkenntnis, dass den Menschen alles geschenkt wurde, da sich Gott in Jesus von Nazareth endgültig geschenkt habe. Es müsse erfahrbar werden, dass „das Gebet, die Feier der Eucharistie, der Einsatz für die Kranken, Schwachen und Armen“ keine Last sei, sondern „eine große Kraftquelle und eine große Freude“. Daraus entstehe erst geistliche Bewegung, eine Bewegung, die nicht moralisiere und ausgrenze, sondern vielmehr zu einer neuen Freiheit und Weite führe.

Vor der Heiligen Messe versammelten sich Vertreter der geistlichen Gemeinschaften zu einem Studientag. Prälat Lorenz Kastenhofer, Leiter der Hauptabteilung Liturgie und geistliches Leben im Erzbischöflichen Ordinariat, eröffnete die Tagung und verwies auf den Aufruf von Papst Franziskus, sich der eigenen Taufe bewusst zu werden. Der Wiener Jesuitenpater Elmar Mitterstieler führte in zwei Referaten in das zentrale Thema des Priestertums aller Getauften ein. Schon im Alten Testament (Ex 19, 4-6) wünsche sich der Befreiergott, das ganze Volk solle ein Reich von Priestern sein. Der 1. Petrusbrief enthalte die Bezeichnung „Königliche Priesterschaft“ für alle, „die in den Lichtkegel Gottes geraten sind“. Alle seien zur Verkündigung eingeladen, so lautet die herausfordernde Botschaft, weil Christus allen Getauften „die Würde von Königen“ gegeben und sie zu Priestern gemacht habe.

Offen sprach Mitterstieler die Invidia clericalis, den klerikalen Neid, in diesem Zusammenhang an. Er bezeichnete sie als „menschlich armselige Tendenz“ zu befürchten, dass andere stark und wirkmächtig werden und einem Wirkräume nähmen. Stattdessen sollten sich die Gläubigen darüber freuen, was anderen geschenkt sei. Das gemeinsame Priestertum sei ein Fluss, dessen Wiederauftauchen die Kirche im letzten Konzil wahrgenommen und als Quelle neuen Lebens zu fassen begonnen habe. Als Thema sei dieser aber schnell wieder versandet. Mit Freude wäre einem Jahrhundert der Laien entgegenzusehen, in dem Getaufte ganz bewusst ihr Priestertum leben.

Dem Glauben an Jesus und der Taufe (Taufweihe) auf seinen Namen verdankten alle Getauften gemeinsam die Teilhabe am Priestertum Jesu. Dies schenke den freien Zugang zu Gott. Mitterstieler betonte, dass das Vatikanische Konzil die theologische Basis dafür wiederentdeckt, indem es von der Taufe mehrfach als „Taufweihe“ ( baptismatis consecratio ) spreche. „ Gott vergibt leidenschaftlich“, betonte der Jesuit. Alle Vergebung und alle Versöhnung gehe von ihm aus. Es könne also kein Priestertum zur Versöhnung Gottes mehr geben. Es waren Frauen, denen die Frohe Botschaft zuerst anvertraut wurde. Maria von Magdala erhielt schon früh den Ehrentitel „apostola apostolorum“, Apostelin der Apostel. Dass die Frauen eben die ersten Verkünderinnen waren, müsse die Kirche stärker berücksichtigen.

Im Anschluss trafen sich die Teilnehmer zum Austausch in Kleingruppen und im Plenum. Das Treffen dürfte geistig und spirituell nachwirken: Für Marita Grötsch vom Regnum Christi bedeutet die Begegnung mit anderen Gemeinschaften, sich der Einheit in Vielfalt bewußt zu werden. Sie sehe so erneut klar, wie sehr sie zu ihrer Gemeinschaft passe und lerne doch zugleich die anderen auch schätzen. „Wir gehören zu einem Gott, haben aber unterschiedliche Farben“, sagte sie. Die Teilnehmer setzten große Hoffnungen auf diese Treffen, weil sie zum Katalysator einer gemeinsamen missionarischen Pastoral im Erzbistum würden, betonte Angela Reddemann von der Missionarischen Fraternität Verbum Dei. „Pater Mitterstielers Einladung, ein Jahrhundert der getauften Christinnen auszurufen, weil ja sie die Kirche sind, empfand ich als einen starken missionarischen Impuls.“

In den geistlichen Gemeinschaften bemühen sich Laien, aber auch Kleriker und Ordensleute, um ein intensives religiöses Leben in Gemeinschaft und um eine Glaubenserneuerung in der Kirche. Zu den geistlichen Gemeinschaften im Erzbistum München und Freising gehören zum Beispiel die Charismatische Erneuerung, die Fokolar-Bewegung, die Gemeinschaft Sant’Egidio, die Jugend 2000, der Neokatechumenale Weg und die Schönstattbewegung.

[Erstmals erschienen: Die Tagespost, 5. März 2015]

 

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