Vatikanberater Samir Khalil Samir: „Dann wäre es eine Revolution“

Jesuitenpater hofft auf Islamreform aus Ägypten

Von Michaela Koller

ROM, 6. März 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der ägyptische Jesuit und Professor Samir Khalil Samir, einer der führenden Islamberater des Vatikan, sieht derzeit beste Chancen für die Stärkung reformerischer Strömungen im Islam. Der Großimam der führenden Rechtsautorität der Sunniten, Scheich Ahmed al-Tayeb, hat sich kürzlich in Mekka gegen wörtliche Auslegungen des Koran gewandt. Extremistische Gruppen würden sich diese zu Nutze machen. In einer Analyse, die Samir für den katholischen Online-Informationsdienst AsiaNews verfasst hat, berichtet er von einer denkwürdigen Ansprache des Großimams im spirituellen Zentrum der islamischen Welt.

Professor Samir mit Erzbischof Kaigama aus Nigeria; Copyright: Maria Lozano, CRTN

Professor Samir mit Erzbischof Kaigama aus Nigeria; Copyright: Maria Lozano, CRTN

„Ich glaube, dass das, was Tayeb in Mekka gesagt hat, entscheidend ist. Wenn sich das, was er zum Koran betont hat, besonders der Gesichtspunkt der theologischen Auslegung, in der islamischen Welt verbreitet, dann wäre das eine Revolution“, schätzt der am Päpstlichen Orient-Institut lehrende Experte für Islam und christliche arabische Literatur.

Der Großimam forderte, die Lehre des Islam in Schulen und Universitäten zu erneuern, um extremistische Auslegungen des Koran und der Sunna zu widerlegen. Einzelne muslimische Gelehrte vertreten diese Position schon lange, wie Samir darlegt. Neu sei aber, dies auf eine weltweite Ebene zu heben. In der sunnitischen Welt hat wohl kaum eine zweite Instanz so viel Einfluss auf die Lehre hinsichtlich ihrer rechtlichen Auslegung wie die Universität Al Azhar. Sie spielt damit eine globale politische Rolle, was Konzepte von Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenleben betrifft. Tayeb habe den gegenseitigen Anathema-Vorwurf von Sunniten und Schiiten gebrandmarkt und zu einem Ende der Auseinandersetzung in dieser Form aufgerufen. Beide Richtungen schließen sich gegenseitig vom Islam aus. Dazu kommt die Tendenz, das selbst definierte Böse gewaltsam ausrotten zu wollen: „Zu viele Menschen glauben, dass diejenigen, die ihre Ansichten nicht teilen, ausgelöscht werden sollen.“

Samir warnt Christen davor, den innerislamischen Bruderzwist auch noch mit Genugtuung zu verfolgen, da sich der Hass schnell auch gegen Juden und Christen wenden könne und sich generell gegen die christliche Vision von einer friedlichen Koexistenz richte. Der katholische Geistliche und Islamwissenschaftler formuliert aber auch Vorschläge an die islamische Welt, indem er die Rede Tayebs als Ermunterung aufgreift: Er verweist darauf, dass der Streit zwischen Sunniten und Schiiten im Mangel an Religionsfreiheit wurzelt. „Unglaube muss ohne Angst vor Verfolgung oder Tötung erlaubt sein“, fordert Samir. Zudem ruft er zur Einführung einheitlicher rechtlicher Standards auf, denn er kritisiert Aufrufe des Großimams, IS-Terroristen unmenschlich zu bestrafen, wie durch Kreuzigung oder Abschneiden von Gliedmaßen. Damit wende er ja selbst den Koran wörtlich an. „Traurigerweise ist diese Doppeldeutigkeit in der islamischen Welt gegenwärtig“, schreibt Samir. Als Drittes kritisiert er, dass der hohe geistliche Würdenträger des Islam „neuen globalen Kolonialismus verbündet mit einem Weltzionismus“ für das innerislamische Abschlachten verantwortlich macht. Mit dieser Verschwörungstheorie entlasse er die Muslime selbst aus ihrer Verantwortung.

Abschließend lobt Samir ausdrücklich die Entscheidung des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah Al-Sisi, nach der Ermordung von 21 Kopten in Libyen mit Luftverteidigung gegen den IS (Islamischen Staat) vorzugehen. Damit sei eine offizielle Anerkennung ägyptischer Christen als vollwertige Bürger ihres Landes verbunden. Der Professor hofft nun auch auf einen Sinneswandel im wahhabitischen Saudi-Arabien, dessen König Salman seit Januar im Amt und Hüter der heiligen Stätten des Islam ist. Zusammen mit Ägypten, dem bevölkerungsreichsten arabischen Land und seiner Al Azhar könnte er die islamische Welt reformieren.

 

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