„Größte humanitäre Katastrophe seit Ende des Zweiten Weltkriegs“

Interview mit dem Ukrainischen Griechisch-Katholischen Erzbischof Schewtschuk

Von Deborah Castellano Lubov

(Übersetzung: Michaela Koller)

ROM, 7. März 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der Großerzbischof von Kiew-Halytsch der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, Swjatoslaw Schewtschuk, prangert in einem Interview den Krieg in seinem Land an und appelliert an die internationale Gemeinschaft. Vaticanista übernimmt das Interview von ZENIT.

Im Anschluss an eine heilige Messe für die ukrainischen Gläubigen in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom betonte der Erzbischof, dass dieser Krieg, der bereits mehr als zwei Millionen Vertriebene – darunter 140.000 Kinder – verursachte, kein Bürgerkrieg sei. Trotz vieler berechtigter Gründe sich zu fürchten, erklärt Erzbischof Schewtschuk, wie sein Volk weiterhin hofft und Hoffnung schöpfen kann.

Können Sie ein wenig über die Situation in der Ukraine berichten?

Großerzbischof Schewtschuk: Nun, die Situation lässt sich mit einem Wort beschreiben: Krieg. Aber ich muss sagen, dass wir in der Ukraine keinen Bürgerkrieg haben. Wir erleben die Aggression eines fremden Landes gegen die ukrainischen Bürger und den ukrainischen Staat. Vor ein paar Wochen ist ein Waffenstillstand, ein Abkommen, in Minsk unterzeichnet worden. Aber leider wird es nicht beachtet. In den letzten Tagen sind wir Zeugen der brutalen Vandalen um die Stadt Debalzewo geworden.

Aber als Hirten sind wir besorgt über die Menschen auf der Flucht. Es gibt fast zwei Millionen Flüchtlinge derzeit in der Ukraine. Eher offiziell wurden mehr als 6.000 getötet , zumeist Zivilisten. 140.000 Kinder sind unter den Opfern. So erleben wir die größte humanitäre Katastrophe in Osteuropa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Was, glauben Sie, sollte getan werden?

Großerzbischof Schewtschuk: Ich würde gerne die Gelegenheit nutzen, um einen Appell an die internationale Gemeinschaft zu richten, uns zu helfen, der Aggression Einhalt zu gebieten und für das Volk der Ukraine internationale humanitäre Hilfe zu organisieren.

Wie kann Ihr Volk inmitten des Kriegs Hoffnung schöpfen?

Großerzbischof Schewtschuk: Nun, zunächst einmal: Wir sind Christen. Christen haben immer Hoffnung. Aber es gibt auch eine herausragende Solidarität und ehrenamtliche Bewegungen in der Ukraine. Fast 80 Prozent der Ukrainer sind an den verschiedenen Aktionen der freiwilligen Bewegungen beteiligt. Unsere Gemeinden sind zu Zentren dieser Art von Bewegungen geworden. So kämpfen die Menschen in der Ukraine für Freiheit, Unabhängigkeit und die Integrität unseres Landes.

Vor ein paar Wochen waren einige ablehnende Meinungen unter der ukrainischen Bevölkerung zu vernehmen, die sich auf Äußerungen des Papstes bezogen. Vielleicht handelte es sich um ein Missverständnis über die Situation in der Ukraine…

Großerzbischof Schewtschuk: Nun, wir als Christen sollen Zeugen der Wahrheit sein. So sind wir hier, um dem Heiligen Vater die Wahrheit über die Situation der Ukraine zu übermitteln. Die Wahrheit ist, dass wir, das ukrainische Volk, die Opfer sind. Und gemäß der Heiligen Schrift, ist Gott immer mit denen, die Unrecht leiden. Gott ist immer mit den Opfern. Er selbst wurde zum Opfer, als er sich am Kreuz hingab. Das ist der Grund, warum wir erwarten, dass die gesamte christliche Welt in der Solidarität mit der Ukraine vereint sein wird, besonders in diesem schwierigen Augenblick unserer Geschichte.

Wünschen Sie einen Richtungswechsel in den Stellungnahmen des Heiligen Stuhls zur Ukraine und zur dortigen Situation?

Großerzbischof Schewtschuk: Nun, es ist unsere Pflicht, eine Wahrheit zu vermitteln, nicht jedoch jemanden zu zwingen, seine Meinung zu ändern. Aber ich hoffe, dass der größte Sieg der Ukraine, vor kurzem in Debalzewo, darin besteht, dass die ganze Welt aufhört, von einem Bürgerkrieg in der Ukraine zu sprechen. Und dass jetzt jeder weiß, dass wir der direkten Aggression eines Nachbarlandes ausgesetzt sind.

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