„Ein spiritueller Lehrer des Christentums in Zeiten der Globalisierung“

Interview mit dem Jesuitenpater Michael Sievernich über Papst Franziskus

FRANKFURT, 13. März 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Am heutigen Freitag jährt sich die Wahl des Jesuiten Jorge Mario Kardinal Bergoglios zum Papst zum zweiten Mal. Aus diesem Anlass hat ZENIT sich mit seinem Mitbruder im Orden, Professor Michael Sievernich SJ, von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen unterhalten. Der Pastoraltheologe kennt Papst Franziskus persönlich durch mehrere Begegnungen: Erstmals trafen sich die beiden Jesuiten 1985, als Franziskus Rektor des Colegio Máximo in San Miguel und Präsident eines internationalen Kongresses über die Evangelisierung war und wieder ein Jahr darauf in Frankfurt bei Gesprächen über Lateinamerika und Guardini. Später begegnete Sievernich ihm, als er als Seelsorger an der Jesuitenkirche von Córdoba in Argentinien wirkte. Mit Michaela Koller sprach der Frankfurter Professor über die Biographie des ersten Papstes aus Lateinamerika sowie über dessen geistig-spirituelle Quellen, mit denen er sich intensiv beschäftigt hat.

 

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Wie stark hat Jorge Mario Bergoglio, bis aus ihm Papst Franziskus wurde, aus den spirituellen Quellen eines Jesuiten gelebt?

P. Sievernich: Für Bergoglio war die ignatianische Spiritualität zeitlebens von grundlegender Bedeutung: Er hatte leitende Ämter im Orden inne, war auch in der Ausbildung tätig, musste diese Spiritualität selbst lehren. Als Erzbischof von Buenos Aires hat er sie weiter geübt, als Papst bleibt sie ihm Richtschnur. In seinen Ansprachen und Interviews und Texten verweist er immer wieder darauf, zum Beispiel auf die berühmte „Unterscheidung der Geister“ und die Gewissenserforschung.

Welche Rolle spielt die Gerechtigkeit in der Ordensspiritualität?

P. Sievernich: Das Verhältnis von Glaube und Gerechtigkeit spielt für den Orden eine entscheidende Rolle, vor allem seit der Orden in den siebziger Jahren, unter Mitwirkung von Pater Bergoglio, programmatisch entschieden hat, den Einsatz für den christlichen Glauben mit dem Einsatz für eine größere Gerechtigkeit miteinander zu verbinden.

Wie verhält sich eigentlich die „Theologie des Volkes“, die ihn geprägt hat, zur Theologie der Befreiung?

P. Sievernich: Die lateinamerikanische Theologie der Befreiung hat sich vor allem für eine „vorrangige Option für die Armen“ ausgesprochen. Das gilt für die Bischöfe ebenso wie für die Theologen des Kontinents. Die argentinische Strömung der „Theologie des Volkes“ ist eine Variante davon, die stark auf die Volksfrömmigkeit setzt, aber auch auf den Glaubenssinn und die Selbstevangelisierung der einfachen Leute.

Nach der Wahl haben Sie in einem Vortrag gesagt, dass die Völker des Südens wohl erwarten würden, dass Papst Franziskus ihre Fragestellungen stärker in den Fokus rücke. Welche Erkenntnisse haben Sie über deren Eindrücke nach zwei Jahren dieses Pontifikats?

P. Sievernich: Zweifellos hat Papst Franziskus in den beiden Jahren seines Pontifikats sich besonders den Völkern des Südens zugewandt und den Ländern an der Peripherie. Seine Reisen nach Albanien, Sri Lanka und auf die Philippinen zeigen das deutlich. Auch die Ernennung neuer Kardinäle aus kleinen und armen Ländern am Rande zeigt, wen er in der Weltkirche von 1, 2 Milliarden Katholiken stärken möchte. In seinem Schreiben „Evangelii gaudium“ legt er den Akzent auf die Bevölkerungsgruppen, die wirtschaftlich ausgeschlossen sind.

Wenn man Franziskus‘ Vorgänger mit einem Wort vielleicht als Professoren-Papst, Katechet der Welt oder theologischer Lehrer bezeichnen konnte, welches Wort würde dann auf Papst Franziskus passen?

P. Sievernich: Papst Franziskus ist kein gelehrter Professoren-Papst wie sein Vorgänger, sondern ein pastoraler Papst wie ein Johannes XXIII., der vor allem den Menschen zugewandt ist. Aber beide Päpste haben wichtige programmatische Schreiben verfasst, und auch Papst Franziskus ist ein „Lehrer“, ein spiritueller Lehrer des Christentums in Zeiten der Globalisierung.

Welche Rolle spielt denn das Vorbild des heiligen Francisco de Xavier in der Spiritualität Papst Franziskus‘?

P. Sievernich: Der heilige Franz Xaver, den der Ordensgründer Ignatius von Loyola als Missionar nach Asien (Indien, Japan) entsandte, ist und bleibt ein großes Vorbild für die Sendung. Damals wurde Xaver an die Ränder der damals bekannten Welt geschickt, um den Glauben zu verbreiten. Dieselbe Dynamik gilt auch für heute, da die Kirche nicht um sich selbst kreisen soll, sondern dazu da ist, das Evangelium zu verbreiten. Wie schwierig und bisweilen gefährlich das heute sein kann, zeigen die vielfachen Verfolgungen von Christen, in nicht wenigen Ländern.

 

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