„Das Mitwirken an der Menschwerdung des Menschen“

Interview mit Bischof Oster zur Aktualität Don Boscos und des salesianischen Charismas/ Teil 1

PASSAU, 14. April 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Anlässlich des 200. Geburtstags des Heiligen und Ordensgründers Don Giovanni Bosco gibt das päpstliche Verlagshaus Libreria Editrice Vaticana in den kommenden Wochen einen Sammelband über die Aktualität der Pädagogik und des pastoralen Programms des Apostels der Jugend heraus, der in Zusammenarbeit mit ZENIT entsteht und salesianische Persönlichkeiten über ihre Auseinandersetzung und ihre Sendung im Geiste Giovanni Boscos erzählen lässt. Michaela Koller sprach für dieses Projekt mit Bischof Stefan Oster von Passau. Vor einem Jahr ernannte Papst Franziskus ihn, damals Salesianerpater und Dogmatikprofessor in Benediktbeuern, zum 85. Bischof von Passau. Im Gespräch verriet der Bischof, wie die Geschichte seines Ordensgründers ihn berührte und wie das Fest Maria, Hilfe der Christen, ihn in besonderer Weise mit Don Bosco verbindet.

Copyright: Monika Zieringer/ Pressestelle Bistum Passau

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Warum haben Sie sich dafür entschieden, Salesianer Don Boscos zu werden?
Bischof Oster: Das Erste war die Erfahrung, dass ich mein Leben Gott zur Verfügung stellen soll. Das ging allem voraus. Dann habe ich gefragt: Wo? Ich bin an mehreren Punkten meines Lebens dahin gekommen, dass ich Don Bosco entdeckt und zugleich immer eine besondere Nähe zum Thema Pädagogik für Kinder und junge Menschen gehabt habe. Ich weiß noch, dass ich damals oft gesagt habe: Wenn ich nicht Journalist wäre, fände ich den Beruf des Kindergärtners super. Es gab sehr viele Erfahrungen, wie ich mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterwegs war. Irgendwann habe ich dann eine kleine Biographie von Don Bosco gelesen und da hat es mich richtig „erwischt“. Ich habe gedacht: Da gehöre ich hin.
Können Sie sich an diese erste bewusste Auseinandersetzung mit Ihrem Ordensgründer genauer erinnern? Was hat Sie von der Geschichte, von dem Leben Don Boscos berührt?
Bischof Oster: Nach dieser Erfahrung, dass ich mein Leben zur Verfügung stellen muss, war ich auf der Suche. Am Anfang habe ich gedacht, dass vielleicht die Jesuiten infrage kommen, da ich philosophisch und medial unterwegs war und dachte, das könnte passen. Ich war mir dabei aber selbst verdächtig, ob es da nicht um Eitelkeit gehen könnte. Ich habe dann einmal einen Freund aus Regensburg gefragt, was die Salesianer machen. Er sagte, sie arbeiteten mit Lehrlingen, das sei nichts für mich. In der Zeit, als ich in München beim Süddeutschen Verlag arbeitete, schaute ich mir am Wochenende Klöster an, unter anderem auch Benediktbeuern. Ich dachte: Oh, liegt das schön und sie haben auch eine Hochschule, aber vielleicht haben die Jesuiten die Bessere.

Von dort habe ich die kleine Biographie von Don Bosco mitgenommen. Sie lag dann wochenlang unberührt auf meinem Nachtkastl. Ich habe in der Zeit versucht, wie ein Ordensmann zu leben: morgens und abends intensive Gebetszeiten und öfter in die Messe zu gehen. Eines Abends habe ich dann innerlich einen Film ablaufen sehen, einen Film, in dem ich alle Szenen in meinem Leben sah, in denen ich mit jungen Menschen und für junge Menschen unterwegs war. Das war eigenartig. Ich dachte, dass ich doch einmal die Biographie lesen muss. Ich habe sie dann aufgeschlagen. Das Erste, das ich darin las: Don Bosco war ein Gaukler. Er führte Kindern und jungen Menschen Kunststücke vor und als Eintritt erbat er, ein Ave Maria oder Vaterunser mit ihm zu beten.
Das hat sofort eine Verbundenheit geschaffen?
Bischof Oster: Ich dachte: Ja, so etwas. Ich war damals immer wieder als jonglierender Clown unterwegs. Das war ein erster Anknüpfungspunkt. Ich las das Büchlein dann in einem Zug durch und habe danach im Prinzip gewusst, wo ich hingehöre. Das Mitwirken an der Menschwerdung des Menschen. Das ist mein innerer Antrieb, dies zu tun, unter den Augen Gottes, dem liebenden Blick Gottes, daran mitzuwirken. Das ist das Herzstück, worum es da geht. Der pädagogische Impetus von Don Bosco ist das, was mich am meisten bewegt hat.

Eine weitere Parallele ist der Optimismus und die Freude, die bei Don Bosco sprichwörtlich auffielen. Wie bewahren Sie sich Ihre Fröhlichkeit, auch in Situationen, in denen Sie als Bischof herausgefordert sind?

Bischof Oster: Das hat etwas damit zu tun, was Papst Franziskus sagt, der übrigens eine salesianische Schule besucht hat und einen Salesianerpater als seinen geistlichen Lehrer bezeichnet: Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das ganze Leben derer, die Jesus begegnen. Das Bemühen um die Begegnung mit dem Herrn und das Auflebenlassen seiner Gegenwart, sich da hinein nehmen zu lassen, dass er gegenwärtig ist, das ist die Quelle meines Lebens. Ich suche sie immer wieder unmittelbar. Es gibt, so glaube ich, keine wirkliche Freude am Evangelium ohne ein substantielles Gebetsleben.

Was ist für Sie das Besondere am salesianischen Charisma?

Bischof Oster: Zusätzlich zur Freude an Gott ist es die bevorzugte Liebe zu den Menschen am Rand, besonders auch zu den jungen Menschen. Gott liebt in besonderer Weise die Kinder und die jungen Menschen; sie sind gefährdet. Eines der großen Stichworte Don Boscos ist Assistenz, Dabeisein, mit den jungen Menschen unterwegs sein, mit ihnen reden, nicht nur über sie reden, von oben herab. Wir sagen manchmal den Satz, von dem wir gar nicht genau wissen, ob er original von Don Bosco ist: Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen. Mir wird immer bewusster, wie sehr das nicht nur ein netter Satz für Kindergarteneinweihungen ist, sondern ein richtiges geistliches Programm: Unter den Bedingungen von heute einerseits das Evangelium klar und wahr zu verkünden, und andererseits zu sagen: Dann lass sie halt reden, auf dich einschlagen und versuche dabei im Frieden und in der Freude zu bleiben.

Ein Programm, das auch auf die Aktualität der salesianischen Sendung, der Pädagogik Don Boscos, verweist…

Bischof Oster: Das, was uns Don Bosco als Pädagoge hinterlassen hat, ist die Präventivmethode. Praevenire heißt zuvorkommen, also die zuvorkommende Liebe Gottes leben. Er sagt: Sei mit den Jugendlichen, gewinne ihr Herz, gewinne ihre Freundschaft, damit sie, bevor sie einen Schmarrn machen, mit dir schon unterwegs sind, sich von dir bewegen und von dir zu Gott führen lassen. Das bedeutet, nicht erst reparativ oder gar repressiv mit Jugendlichen zu arbeiten. Prävention ist gerade heute ein sehr aktuelles Stichwort, ob es um Gesundheit, Süchte oder Pädagogik geht. Don Bosco hat das ganz früh gesehen. Natürlich betrifft es auch – für mich sehr wichtig – das Thema Glaubenskommunikation. Wir tun uns heute ja wirklich schwer als Kirche mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen zu vermitteln, was wir glauben, ihnen den Blick und das Herz zu öffnen. Wenn man versucht, in der Weise wie Don Bosco unterwegs zu sein, dann geht das schon.

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