„Das ist nichts, was ich mit dem Staat abklären möchte“

Interview mit der Vorkämpferin für ein neues Frauen- und Familienbild Birgit Kelle

MÜNCHEN, 6. Mai 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Die Publizistin Birgit Kelle ist als „Vorkämpferin für ein neues Frauen- und Familienbild“ seit einigen Jahren durch ihre Kolumnen und Auftritte in großen deutschen Fernseh-Talkrunden bekannt. Sie lehnt die Einführung gesetzlicher Frauenquoten ab und engagierte sich für die Einführung des Betreuungsgeldes. Ihr Kommentar „Dann mach doch mal die Bluse zu“, der in den sozialen Medien Aufmerksamkeitsrekorde erreichte, wandte sich gegen klischeehafte Pauschalisierung in der Sexismus-Debatte. Vor kurzem erschien das zweite Buch der 40-jährigen Familienmutter im Adeo-Verlag unter dem Titel „Gendergaga – Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will“, nach dem Erfolg mit ihrem Erstling „Dann mach doch die Bluse zu – Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“ im Sommer 2013.

Ihr klarer Standpunkt und ihre pointierten Zwischenrufe werden nicht nur mit Erfolg belohnt, sondern auch mit Polemik beantwortet. Bei der „Domspatz-Soirée“ in München des Journalisten Michael Ragg überzeugte Kelle damit, wie souverän sie damit umgeht. Dort ließ sie die Zuhörer wissen: „Familie kann ohne Staat existieren, aber der Staat nicht ohne Familie“. Die vierfache Mutter machte sich für die Erziehung von Kleinkindern in der Familie stark, da die Beziehungen zwischen den Eltern und ihren Kindern von Liebe getragen seien, die noch so kundige Fremdbetreuung nicht ersetze könne. Michaela Koller sprach mit Birgit Kelle danach über ihr Engagement, ihren Glauben und über Gender Mainstreaming als Ideologie.

Copyright: Kerstin Pukall

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Sie sind schon als Wutmutter bezeichnet worden. Was hat Sie zuletzt so richtig in politischer Hinsicht in Rage gebracht?

Kelle: Politisch in Rage gebracht hat mich zuletzt das Bundesland Thüringen, wo die rot-rot-grüne Regierung gerade versucht, das Landeserziehungsgeld abzuschaffen. Ich bin da im Anhörungsverfahren als Sachverständige um einen Kommentar gebeten worden. Das macht mich zum Beispiel wütend: Wenn eine etablierte Familienleistung, die gut angenommen wird, wo es darum geht, Eltern zu unterstützen, die keinen Krippenplatz in Anspruch nehmen wollen, gekippt werden soll. Diese rot und grün geführten Bundesländer haben offensichtlich ein ganzes großes Problem damit, wenn Eltern ihre Kinder selbst erziehen wollen.

Sie haben einmal gesagt, sie seien nicht konservativ, sondern liberal. Wie meinten Sie das?

Kelle: Ich meine das so, dass ich sage: Leben und leben lassen. Ich bin ja nicht auf einer Mission, um Frauen wieder an den Herd zu zerren, wie man mir gerne unterstellt. Mir geht es letztlich darum zu sagen: Lasst doch jeden bitte leben wir er will. Ich stelle fest, dass es eine große Mehrheit von Frauen gibt, die gerne mehrere Jahre zu Hause ihre Kinder selbst erziehen wollen. Sie müssen in diesem Land genauso Bestand haben wie all diejenigen, die ein anderes Lebensmodell wählen. Es geht hier nicht darum, Menschen zu einer bestimmten Lebensweise zu bekehren, sondern zu sagen, dass eine freie Gesellschaft zulassen muss, dass jeder Bürger die wählen darf, die er für richtig hält. Mein Lebensentwurf ist nur einer von vielen anderen. Es gibt auch Frauen, die das völlig anders sehen. Das halte ich für legitim. Insofern sehe ich mich nicht als Konservative, sondern als Verteidigerin dessen, dass der Bürger sich nicht vom Staat in eine bestimmte Richtung drängen lassen darf.

Sie sind 2011 zur katholischen Kirche konvertiert. Wie hängen denn Glaubensweg und publizistisches Engagement miteinander zusammen?

Kelle: Eigentlich nicht stark, obwohl dies immer so angenommen wird. Das sind für mich zwei voneinander unabhängige Dinge. Nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich angefangen, mich mit dem Glauben wieder zu beschäftigen. Vorher waren Glaube und Kirche Themen, mit denen ich lange abgeschlossen hatte. Je intensiver ich mit damit beschäftigte, umso mehr wurde mir klar, dass ich nicht in der evangelischen Kirche bleiben kann, weil ich das Gefühl hatte, dass sie sämtliche Positionen räumt, Überzeugungen, die ich aber habe, die Fragen des Familienbildes und meiner Rolle als Frau betreffend sowie das Lebensrecht. Plötzlich stand alles zur Disposition. In der katholischen Kirche erkenne ich die einzige Institution, die mich als Frau nicht verändern will und man mir nicht erklärt, dass ich auf einem falschen Weg bin.

Eine Psychotherapeutin verriet mir unlängst, dass sie den Begriff „fluid gender“ in einer Sitzung gelernt habe. Was verbirgt sich dahinter?

Kelle: Das soll so etwas wie „fließendes Geschlecht“ heißen. Angeblich sei unsere Geschlechtlichkeit kein fester Zustand. So etwas wie „männlich“ und „weiblich“ gibt es ja angeblich nicht, sondern wir schweben zwischen den Geschlechtern und können dementsprechend fließend auch unser Geschlecht ändern, etwas, was Sie sich wie auf einer Zeitleiste zwischen den Polen „männlich“ und „weiblich“ vorstellen müssen. Man könne sich auf dieser Achse hin- und herbewegen und dazwischen verschiedene Geschlechtsspektren annehmen. Das will uns die angebliche Wissenschaft des Gender Mainstreaming sagen und es ist natürlich völliger Schwachsinn.

Warum ist Gender Mainstreaming nicht dasselbe wie Einsatz für Gleichberechtigung?

Kelle: Weil die Theorie, die dahinter steckt, etwas ist, das weit über die Gleichberechtigung von Mann und Frau hinaus geht, nämlich das Infragestellen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Während die Frage der Gleichberechtigung oder Chancengerechtigkeit zwischen Mann und Frau etwas ist, das Sie politisch lösen und mit entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen können. Die Frage des Geschlechtes in meinen Augen absolut durch die Biologie determiniert. Wenn wir anfangen, im Prinzip unsere Biologie infrage zu stellen, und unsere Männlichkeit oder Weiblichkeit als irrelevant in einem neuen Geschlecht auflösen zu wollen, dann ist das pseudowissenschaftlich. Es ist ja auch bislang durch nichts belegt. Es geht von einem ganz anderen Menschenbild aus. Die Genderaktivisten und Lehrstuhlinhaber gehen von der Prämisse aus, dass wir in einer „Zwangsheteronormativität“ gefangen seien und diese aufgebrochen werden müsse. Denen geht es also um die Auflösung der Kategorie Geschlecht.

Damit wird infrage gestellt, was evident ist. Sie sind Mutter von vier Kindern und alles Andere als das Heimchen am Herd. Wie bringen Sie Ihre Aktivitäten und die familiäre Verpflichtungen unter einen Hut?

Kelle: Es ist ja aus der Mode gekommen, aber unsere Kinder haben auch einen Vater. Insofern bekommen wir das ganz gut hin. Unser Leben hat sich verändert. Ich war zwölf Jahre in der Tat Hausfrau und Mutter; mein Mann war berufstätig und hat das Geld herangeschafft. Bei uns hat sich das in den letzten ein, zwei Jahren verändert, dadurch, dass ich beruflich aktiver bin, Bücher schreibe und zunehmend zu Vorträgen unterwegs bin. Mein Mann hat beruflich zurückgeschraubt und dafür habe ich mehr Kapazitäten, um beruflich tätig zu sein und er kümmert sich mehr um die Familie. Das kann sich im Laufe eines Lebens einfach verändern. Das ist aber eine Entscheidung, die wir privat treffen. Es ist nichts, was ich mit dem Staat abklären möchte.

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