Ermunterung zum Glauben an den Herrn der Geschichte

Exklusiv-Interview mit dem Friedensnobelpreisträger Bischof Belo aus Osttimor

Von Michaela Koller

ROM, 2. Juli 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Er ist der einzige lebende katholische Geistliche, der Friedensnobelpreisträger ist: Der osttimoresische Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo SDB. Im Jahr 1996 erhielt er diese höchste Auszeichung zusammen mit José Ramos-Horta, der später Außen- sowie Premierminister und Präsident seines Landes wurde. Das Haus des Oberhirten in der Hauptstadt Dili stand in schwerster Zeit für die bedrängten Menschen stets offen; er sammelte systematisch Beweise für die Menschenrechtsverletzungen in seinem Land. Der Anteil der Katholiken stieg in dieser Zeit von 30 Prozent im Jahr 1975 auf mehr als 90 Prozent im Jahr 1999.

Kurz nach Ende der 450-jährigen portugiesischen Kolonialzeit marschierten am 7. Dezember 1975 indonesische Truppen in das Land ein. Auf die Annexion Osttimors folgten 24 Jahre Unterdrückung jeglicher Freiheitsbestrebungen mittels Polizei und Militär. Rund 200.000 Timoresen kamen durch Verfolgung und Vertreibung ums Leben. Nachdem am 30. August 1999 mehr als 78 Prozent der osttimoresischen Wähler für die Loslösung von Jakarta stimmten, erreichte die Gewalt ihren Höhepunkt. Rund 2.000 Menschen kamen dadurch ums Leben, mehr als 200.000 Osttimoresen wurden vertrieben.

Erstmals im deutschen Sprachraum seit seinem Rücktritt 2002 spricht Bischof Belo mit Michaela Koller über die Vergangenheit. In dem Interview, das zunächst bei ZENIT erschienen ist, verrät er wie ein Lehrer seine Ordensberufung weckte und wie ihm das Vorbild des Heiligen Johannes Bosco in schwerster Zeit half, seinen Landsleuten, darunter besonders den Jungen, Mut zu machen. Anlass des Gesprächs ist eine Interviewserie im Rahmen eines Buchprojekts über die Aktualität der Pädagogik und des pastoralen Programms des Apostels der Jugend. Anlässlich des 200. Geburtstags des Heiligen und Ordensgründers Don Giovanni Bosco gibt das päpstliche Verlagshaus Libreria Editrice Vaticana dies in den kommenden Wochen in Zusammenarbeit mit ZENIT heraus.

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Copyright: Klaus Müller

 

Welcher Aspekt der Geschichte und des Lebens des Don Giovanni Bosco hat Sie am meisten beeindruckt? Erinnern Sie sich daran, wie Sie erstmals von ihm gehört haben?

Bischof Belo: Was mich am meisten betroffen gemacht hat, waren die Umstände eines Waisen, die Don Bosco durchlebt hat. Und dann sein intensiver Geist des Gebetes in der Familie, der brillianten Katechese, die er seinen Weggefährten vermittelt hat, der eiserne Wille, den er gezeigt hat, und die Freude, mit der junge Menschen und Menschen, die ihm zuhörten, angesteckt hat.

Darüber hinaus ist es die Entschlossenheit, mit der er sich dafür einsetzte, die notwendigen Ressourcen zu finden, die Schule für die Armen zu bezahlen, sie zu erziehen sie und zur Arbeitssuche zu verpflichten. Ich war zudem von der Demut Don Boscos beeindruckt, wie er mit jüngeren Schülern zusammen gelernt hat.

Das erste Mal, als ich von ihm hörte, war im Jahr 1961, als ich das Kolleg St. Theresia vom Kinde Jesu in Ossu (Osttimor) besuchte. Nach der Messe um sechs Uhr hat der Lehrer die Biografie von Don Bosco vorgelesen.

Was ist das Besondere am salesianischen Charisma? Und wie spiegelt es sich in ihrer Sendung wider?

Bischof Belo: Der typischste und speziellste Aspekt im salesianischen Charisma ist Optimismus und die Nähe zu den Jugendlichen und jungen Menschen. In meinem priesterlichen und bischöflichen Dienstes in Ost-Timor habe ich versucht, ein besonderes Augenmerk auf die menschliche, moralische und geistliche Ausbildung von jungen Timoresen zu richten.

Wenn Sie möchten, teilen Sie bitte mit unseren Lesern Ihre Erfahrungen als Bischof in Osttimor bis 2002 und Ihre Mission nach diesem Zeitpunkt. Wie hat dabei das Vorbild Don Boscos geholfen? Und wie lange waren Sie schließlich in Afrika?

Bischof Belo: Den priesterlichen und bischöflichen Dienst habe ich in Osttimor zwischen 1983 und 2002 ausgeübt, um der Kirche und dem Volk zu dienen. Es waren die schwierigen Jahre in der Geschichte der Ost-Timors, weil unser Land von den indonesischen Streitkräfte besetzt war. Es gab weder Meinungs-, Versammlungs-, noch Bewegungsfreiheit. Osttimor sah aus wie ein großes Gefängnis. Ich habe versucht, dem Beispiel des heiligen Johannes Bosco zu folgen und angesichts der Schwierigkeiten optimistisch zu sein. Ich habe versucht, nah bei den Menschen zu sein, habe oft die Städte und Gemeinden besucht. Ich habe versucht, Treffen mit Familien, Katecheten, Lehrern, Schulen und mit jungen Studenten durchzuführen.

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Copyright: Klaus Müller

 

Es war eine traurige Zeit, insbesondere für junge Menschen. Daher drückten sie in ihren Liedern den Kummer aus, betonten die Traurigkeit und das Leid. Ich forderte sie auf, die Köpfe nicht hängen zu lassen, indem ich sie zur Freude, Hoffnung und vor allem zum Glauben an Gott ermunterte, der der Herr der Geschichte ist.
Im Jahr 2004 ging ich nach Mosambik, wo ich nur für ein Jahr blieb, in der Gemeinde Jardim, am Stadtrand von Maputo. Wegen der Krankheit, die mich befiel, beschloss ich, nach Portugal zu kommen, um sie auszukurieren und blieb hier. In Portugal besuche ich, abgesehen davon, dass ich Bücher über die Kirche in Osttimor schreibe, Schulen, um Fragen des Friedens, der Menschenrechte, der Versöhnung, des Dialogs, der Toleranz, der Bürgerschaft und über Werte zu diskutieren.

Können Sie etwas über das Wirken der Salesianer in Osttimor erzählen? Ich erinnere mich noch, dass die Don-Bosco-Schule in Dili nach der ersten Staatskrise zum größten Flüchtlingslager wurde.

Bischof Belo: Die Salesianer sind seit 1946 in Ost-Timor. Wir haben eine Reihe von Maßnahmen entwickelt, in den Bereichen Bildung, Ausbildung, in der Missionsarbeit, in sozialen Aktivitäten, die wir in den Dörfern ausführen. Das Werk der Salesianer zeichnet hochwertige Bildung für Tausende von jungen Menschen in Timor aus, von denen einige sind heute Mitglieder der Regierung von Osttimor und des nationalen Parlaments, andere wirken als Priester wirken oder Laien, alle vereint im Dienst der Ortskirche und der Gesellschaft.

Was kann das Charisma und können die Lehren Don Boscos in unserer Zeit für einen Beitrag leisten?

Bischof Belo: Noch heute kann Don Bosco zum Wohl der Welt mit einem Plan beitragen, um die Seelen, die Jugendlichen und die unteren Schichten zu retten, indem sie ihnen Ausbildung, Arbeit und Brot gibt…. Damit können sie sicherstellen, dass aus der Jugend des einundzwanzigsten Jahrhunderts „gute Christen und gute Bürger“ werden.

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