„Schauspielerei gehört dort zum Alltag“

Interview über Leben und Überleben im Iran

FRANKFURT, 22. September 2015 (Vaticanista/ZENIT).- Die Iranerin Parisa Rezai hat den katholischen Jugendkatechismus Youcat ins Persische übersetzt, so wie auch das Buch „Muslime fragen, Christen antworten“ des Islamwissenschaftlers und Jesuitenpaters Christian Troll. Obwohl christlich getauft, war sie offiziell, bis sie ihr Heimatland verließ, Muslimin. Über die Heimlichkeiten einer Christin im Verborgenen interviewte sie Michaela Koller, die sie in Frankfurt bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) traf.

Wie sind Sie Christin geworden?

Rezai: Alles fing mit meinem Großvater an, der zufällig an einem Tag meine armenische Großmutter im Chor der Kirche in Isfahan traf und sofort wusste, dass er die Liebe seines ganzen Lebens gefunden hatte. Nach der Heirat war dieser Großvater mit einem üblich islamischen Namen stillschweigend und heimlich ein Konvertit mit einem christlichen Vornamen geworden. Der Familienname blieb aber unverändert. Diese Tatsache war damals nicht durch Politik begründet, sondern durch die Tradition und die Moral, der man sich in der Gesellschaft verpflichtet sah.

Ich habe so das Glück gehabt, eine armenische Großmutter zu haben, die darauf bestand, mich taufen zu lassen, als ich sechs Monate alt war. Trotzdem verlief danach nicht alles reibungslos. In einer Familie zwischen Islam und Christentum musste ich die Lebenskunst beherrschen lernen, innerlich und äußerlich mit zwei Persönlichkeiten zu leben.

Wie erlebte Ihre Familie die Situation nach der Islamischen Revolution?

Rezai: Meine Mutter wollte nichts vom Islam hören und lebte bis an ihr Lebensende anders als alle ihre Freunde und Verwandten. Die Lage wurde aber dann kritischer, als die islamische Revolution das ganze Land wie ein Flächenbrand erfasste und der Islam zum täglichen Diktat wurde. Dies war ein zähes Element, das bis in die Winkel unserer Zimmer sickerte. Jedes Anderssein oder Abweichen von diesem Diktat war in dieser Zeit eine „Sünde gegen Allah“, „Verrat am Vaterland“ oder „dekadent“.

Woran können Sie sich in Ihrer Kindheit und Jugend unter der Herrschaft Ayatollah Khomeinis erinnern?

Rezai: Während die Kantaten von Bach abends als Schlaflied für uns gespielt wurden, mussten wir am nächsten Tag in der Schule die Verse des Korans auswendig lernen und zwangsmäßig zum Mittag beten. Als Kind war dies eher spaßig und lustig, in der Jugend aber provozierte es uns zu Protesten, die meistens heimlich blieben oder unterdrückt wurden. Das Aufnehmen von Michael Jacksons Songs auf Kassetten des Korans, war damals ein rebellischer und frecher Protest, den jeder von uns genoss.

Wie kam es dann aber zur eigentlichen Bekehrung?

Rezai: Nachdem meine Mutter unerwartet während eines Deutschlandbesuchs gestorben war, fiel ich in eine Depression. Das, was mich damals nach meiner Rückkehr aus Deutschland aus diesem Wirbel rettete, war eine durch und durch nette, mir bis damals unbekannte Gruppe von Christen in unserer katholischen Kirche. Ermutigt durch eine Freundin, ging ich an einem heißen Tag einfach dorthin. Zuerst wollte man mir die Tür nicht aufmachen. Ein Mann, der durch den Spalt des Tores schaute, fragte mich misstrauisch, was ich denn da wollte. Aber nach einem Treffen mit einem Pfarrer, der mir später zum Ersatzvater werden sollte, begann mein echtes christliches Leben und wurde jeden Tag intensiver und vielschichtiger.

Ihre Tätigkeit als Übersetzerin für die deutsche Sprache eröffnete Ihnen aber noch weitere Möglichkeiten, die Sie auch veränderten?

Rezai: Ja, und zwar praktisch. Ich war auf dem Papier offiziell schiitische Muslimin und im Herzen gläubige Christin, die nach und nach mit der Übersetzung christlicher Texte anfing. Mit der Übersetzung im Bereich des Christentums wurde der Weg für mich geebnet, der später zu hervorragenden Kontakten in Deutschland führte. Das Leben in Deutschland war für mich wie eine Öffnung hin zu viel Freiheit! Haare im Wind und Regen offen tragen zu können, als Frau in der Öffentlichkeit laut lachen zu dürfen, einfach laut über meinen Glauben sprechen zu können, ohne Angst, beobachtet und kontrolliert zu werden.

 

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