Christentum, Demokratie und Rechtsstaat

Christliche Politik: Voraussetzung, damit möglichst viele Gutes tun können

Wildbad-Kreuth

Tagungsort Wildbad Kreuth ; Copyright: Dr. Philipp Hildmann

Von Michaela Koller

WILDBAD KREUTH, 10. Januar 2016 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der Philosoph Martin Rhonheimer hat eine „wesentliche Entweltlichung“ der Kirche gefordert, um wieder mehr bürgerliche Selbstverantwortung zu stimulieren. Durch die staatlich-bürokratische Organisation von Solidarität werde Solidarität als Bürgertugend untergraben. „Es ist geradezu tragisch, dass die Kirche und kirchliche Gremien aller Art dieses System stützen“, kritisierte der an der Päpstlichen Universität della Santa Croce in Rom lehrende Professor vor einer internationalen Expertenrunde in Wildbad Kreuth.

„Meine Diagnose: Die Kirche gerät durch ein immer mehr um sich greifendes „Sozialstaatskirchensystem“ wieder zunehmend in die Fänge des Staates und droht, Teil des politischen Systems zu werden,“ sagte Rhonheimer weiter. Er warnte auch davor, durch beständige Kommentare und Stellungnahmen zu politischen Fragen eine „katholische Linie“ vorzugeben. „Das wäre neuer Klerikalismus – kirchliche Bevormundung der Gläubigen in zeitlichen Dingen – durch die Hintertür.“

Politiker, Diplomaten und Wissenschaftler aus Europa und den USA beschäftigten sich am Mittwoch und Donnerstag auf Einladung der Hanns-Seidel-Stiftung mit den Voraussetzungen für ein Leben in Freiheit. Säkulare Demokratie und politische Liberalität sind historisch, kulturell und ethisch eng mit dem christlichen Menschenbild verknüpft – so könnte die Zusammenfassung der Betrachtungen lauten, die die politische Wirkung des Christentums aus unterschiedlichen fachlichen und konfessionellen Blickwinkeln untersuchten. Der Rückgriff auf das Böckenförde-Diktum, der freiheitliche, säkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann, lag nahe. Rhonheimer bezog sich gleich zu Beginn darauf und betonte die historische Dimension, durch die der Satz aus dem Jahr 1967 zu ergänzen sei. Er verwies auf einen „genuin christlichen Dualismus des Geistlichen und Weltlichen“ und schilderte dessen Wirkung in der Geschichte Europas.

Zur Säkularität gehöre wesentlich, dass der Staat und das Politische kein Absolutes sind, durch eine von ihr unabhängige richterliche Macht kontrolliert werden müssen, also selbst nicht geistliche Macht oder letzte moralische Autorität sein können. Diese Erkenntnis setzte sich schon im Mittelalter durch und schuf „die Grundlage für die neuzeitliche Rechtskultur, auch für die politische Kultur der Menschenrechte“. Rhonheimer, der das Thema in seinem Buch „Christentum und säkularer Staat“ behandelt, unterstrich, dass der Weg zum modernen Gemeinwesen auch Brüche und Widersprüche aufweist. Er grenzte den säkularen Staat vom einem fundamental-laizistischen Staat ab, der nicht neutral bliebe, sondern für Religionslosigkeit eintrete.

Das Christentum sei die erste Religion der Geschichte, die aus ihren heiligen Texten keine Rechts- oder Sozialordnung und auch keine politische Ordnung abgeleitet habe, anders als der Islam. In einem Kamingespräch schilderte die Münchner Islamwissenschaftlerin Rocio Daga-Portillo die enge Verflechtung von geistlicher und weltlicher Macht und islamischer Rechtslehre im klassischen Islam. Wiederholt gab es islamische Denkschulen, die neben der islamischen Offenbarung eine zweite Erkenntnisquelle, die Vernunft, anerkannten, sich aber nie durchzusetzen vermochten, wie Averroes oder die Schule der Mutaziliten. Auf Letztere greifen islamische Denker zurück, die für eine Vereinbarkeit von Islam und Moderne eintreten, wie dies der 2010 verstorbene ägyptische Gelehrte Nasr Hamid Abu Zaid tat. Die Spanierin betonte, dass die Scharia des klassischen Islam heute verschärfend verfälscht werde, teils aus Unkenntnis, teils aus ideologisch-politischem Kalkül. Durch die Erfahrung des Kolonialismus etwa wurde die Person Mohammeds zum Identitätsmerkmal und damit gilt seitdem: „Beleidigung Mohammeds bedeutet Beleidigung der Muslime und der Gemeinschaft, der Umma“. Die Wunde des Kolonialismus könne nur durch Vergebung und gegenseitigen Respekt geheilt werden.

Der ehemalige Diplomat Todd Huizinga vom Acton Institute in den USA warf einen kritischen Blick „als denkender Christ“ auf das globale „Gutmenschentum“. Er verfing sich dabei nicht in einer UNO-Schelte, sondern legte den Finger in die postmodernen Wunden der Umwertung aller politischen Werte der Moderne durch Skeptizismus, Subjektivismus und Relativismus. Er erkennt in der „2030 Agenda für eine nachhaltige Entwicklung“ eine politisch begründete Heilsbotschaft, die voller Pathos das Ende aller Ungerechtigkeit auf Erden verheißt. Kein Gott müsse dabei mehr helfen – so die unterschwellige Botschaft. Christliche Politik bedeute hingegen, sich demütig zu bemühen, das Böse einzuschränken, die Voraussetzungen zu schaffen, damit möglichst viele ungehindert Gutes tun können.

Der Regensburger Politikwissenschaftler Oliver Hidalgo zeigte anhand der Begriffsgeschichte der Politischen Theologie auf, dass Religionsgemeinschaften aufgrund ihrer Gemeinschaftsdimension stets politische Phänomene sind. Er verwies dabei auch auf den Philosophen Charles Taylor, der die These vertritt, in säkularisierten westlichen Gesellschaften seien bestimmte christliche Werte stärker verwirklicht als sie es in christlich dominierten Gesellschaften vor der Aufklärung waren.

Professor Reiner Anselm, Evangelische Theologie in München lehrend, warnte vor Sittlichkeitsterror und erinnerte an das, was entscheidend zur europäischen Einigung beitrug: „die Anerkennung unterschiedlicher weltanschaulicher Konzepte im Rahmen eines für alle geltenden Rechts“. So wurde das katholische Abendland-Konzept zusammen mit dem protestantischen Europagedanken integriert. Auf die Rolle des Rechts fokussierte sich auch der Eichstätter Philosoph Walter Schweidler, als er betonte, der Staat gewährleiste den Freiraum eigenverantwortlicher Selbstbestimmung und Lebensgestaltung, der jedem Menschen aufgrund seines vorstaatlichen, angeborenen (mit anderen Worten: natürlichen) Rechts gegenüber allen anderen Bürgern zusteht.

Er warnte aber: „Die Verwischung der Grenze zwischen Politik und Religion ist eine elementare Gefahrenquelle für das Selbstverständnis jeder demokratischen, freiheitlichen Rechtsordnung.“ Der Staat dürfe den Bürgern nicht auch das Lebensziel vorgeben und damit den Religionsersatz stellen. William J. Hoye von der Universität Münster betonte unter den Grundpfeilern der Demokratie die mit der Religion eng verbundene Gewissensfreiheit, die die Würde des irrenden Gewissens betreffe. „Im Gewissen kommt die subjektive Individualität der vom Einzelnen existenziell vollzogenen Wahrheitssuche voll zum Tragen“, sagte der Professor für katholische Theologie, der auch Philosoph ist.

[Erstmals erschienen in: Die Tagespost, 5. Dezember 2015]

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