Das Kreuz der Chaldäer ist wie das leere Grab

Aus dem Hirtenbrief von Patriarch Louis Raphael I. Sako zum Heiligen Jahr

Von Michaela Koller

BAGDAD, 10. Januar 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat zum außerordentlichen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit in einem Hirtenbrief die Gläubigen seiner Kirche daran erinnert, dass Glaube eine Beziehung der Liebe sei, eine mystische Beziehung, die manchmal blutig erfahren werde, als Märtyrerkirche. Er betonte das liturgische Leitmotiv „Auferstehung, Leben und Erneuerung“. Die chaldäische Theologie wurzele in der Gnade. „Gnade ist größer als die Sünde“, schrieb der Oberhirte der chaldäisch-katholischen Kirche mit Sitz in der irakischen Hauptstadt Bagdad.

„Das Kreuz in der chaldäischen Kirche ist ohne Corpus, wie das leere Grab; damit ist es ein Symbol für die Auferstehung und für die Suche nach dem auferstandenen und verherrlichten Jesus, der sich den Gläubigen, die in Schwierigkeiten leben, zuwendet.“ Diese Barmherzigkeit wiederum schaffe eine positive Veränderung im Sünder, gebe ihm Vertrauen und helfe ihm, mit Gott und anderen Mitgliedern der Gemeinschaft in Einklang zu kommen. Im Arabischen bedeute das mit dem Begriff Barmherzigkeit verwandte Wort rahim-rahma Mutterschoß, der das Leben (die Kinder) begrüßt. „So ist unser barmherziger Gott, der uns als seine Kinder mit Liebe und Zärtlichkeit willkommen heißt“, schreibt der Patriarch von mehr als einer halben Million Gläubigen weiter. Er richtet sich damit an Chaldäer nicht nur im Irak und im Westen, sondern auch im Iran, in Georgien, Indien, Syrien, Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten, in der Türkei, in Jordanien und im Libanon.

Patriarch Raphael I. Louis Sako bei der Preisverleihung der Stephanus-Stiftung; Copyright: Walter Flick

Patriarch Raphael I. Louis Sako bei der Preisverleihung der Stephanus-Stiftung; Copyright: Walter Flick

Und weiter heißt es in dem Hirtenbrief: „Für uns Christen im Irak ist das Martyrium das Charisma unserer Kirche.“ Als Minderheit seien sie mit Schwierigkeiten und Opfern konfrontiert, jedoch seien sie sich darüber im Klaren, dass sie Zeugen Christi sind, und dies könne stets zur Folge haben, Märtyrer zu werden. Als Beispiel nannte er den 2008 ermordeten Erzbischof von Mossul, Paul Faraj Rahho, sowie die Priester Raghid Ganni und Wassim Thair, und erinnerte an die vielen anderen ermordeten Christen. „Glaube und Martyrium auf Arabisch haben die gleiche Wurzel, Shahid wa Shahad.“

„Für uns ist der Glaube eine mystische Wirklichkeit der Liebe, keine ideologische Frage oder theologische Spekulation… Der Glaube ist eine persönliche Begegnung mit Christus, der uns kennt, der uns liebt, und dem wir uns ganz hingeben“, heißt es in dem Brief. Für ihn müssten sie immer weiter gehen, notfalls sich selbst opfern, genau wie die Christen in Mossul und aus den Dörfern der Niniveebene vor einem Jahr, im Sommer 2014. Ihr Beispiel sei eine Ehre und ein Zeichen der Großzügigkeit.

„Wir wollen unsere Heimat nicht ohne christliche Präsenz zurücklassen. Der Irak ist unsere Identität“, schrieb er weiter. Der Patriarch erinnerte an den im Land geborenen Abraham, der entgegen aller Hoffnung hoffte und für alle da war. „Wir Patriarchen, Bischöfe und Priester sind für alle da, um Christen und Muslimen zu dienen. Dies ist auch unsere Mission und unser absoluter Einsatz.“

In der aktuellen Situation müssten die chaldäischen Gläubigen für ihre leidenden Brüder und Schwestern, die Vertriebenen, Migranten, Armen, Waisen und Witwen eintreten. Sie müssten ihnen nahe sein, sie begleiten mit all ihrer Kraft, auch mit Geld und ihnen ein Zeichen der Hoffnung geben. „Wie schön ist es, mit anderen zu teilen, was wir haben; mit Freude, als Zeugen des Glaubens an Jesus Christus. Wie schön ist es, Freundschaft, Solidarität und Unterstützung gegenüber unseren muslimischen Brüdern und Schwestern zu zeigen. Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Leben aufzubauen, in Frieden und in Harmonie“, stellt der Patriarch abschließend fest.

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