Ein Abschlachten unter den Augen der Welt

Interview zum Irak mit Friedensbotschafter Simon Jacob

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 6. März 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der syrisch-orthodoxe Erzbischof Nicodemus Daoud Matti Sharaf befürchtet, dass in zwei Jahren die letzten Christen seine irakische Heimat verlassen haben werden. Das sagte er in einem Interview mit dem Journalisten und Friedensbotschafter Simon Jacob. Um „Brücken des offenen Dialogs“ zu bauen, war Jacob vor drei Jahren als Gründungsvorsitzender des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) angetreten. Er ist im Alter von zwei Jahren als syrisch-orthodoxer Christ aus dem Tur Abdin, dem Berg der Gottesknechte, in Südostanatolien, nach Deutschland gekommen. Im Juli vorigen Jahres trat er von seinem Amt zurück und seit September ist er – mit Unterbrechungen – als Friedensbotschafter im Nahen Osten unterwegs, um den Menschen der Region zuzuhören (http://peacemaker-tour.com). Michaela Koller befragte ihn nach seinen Eindrücken aus dem Irak.

Sie haben den Irak bereist. Wo waren Sie dort? Was haben Sie davon zu berichten?

Opfer des IS; Copyright: Simon Jacob

Opfer des IS; Copyright: Simon Jacob

Jacob: Ich habe den Norden bereist. Mein Ausgangspunkt war Erbil, dann ging es weiter nach Dohuk, Zaxo und Sherfedin. Dann reiste ich zur Frontlinie nach Kirkuk, wo ich Kommandeure der Peschmerga und Politiker traf. Eine meiner tiefgründigsten Erfahrungen war der Einblick in die Situation im ehemaligen IS-Gebiet in der Shingal-Region und in der Ninive-Ebene, von wo mehrere Hunderttausend Jesiden und mehr als 100.000 Christen durch den IS vertrieben wurden. Ich begab mich auch nach Sindschar, in die völlig zerstörte Stadt der Jesiden. Leichen lagen dort noch herum und kein Zivilist wagte sich dorthin. Ich war auch in der zweitheiligsten Stadt der Jesiden, wo ich jesidische Kämpfer traf, die diese Stätte erfolgreich gegen den IS verteidigt hatten.

Zwischen Sherfedin und Sindschar besuchte ich mehrere Massengräber, wo Frauen und Kinder verscharrt waren. Ich sah in der Gegend regelrechte Schlachthäuser, wo Frauen, Jesidinnen, Christinnen und Schiitinnen als Sklavinnen verkauft wurden. Sogar Bürger aus arabischen Staaten wie Saudi-Arabien kauften sie. In diesen Häusern wurden Männer, Frauen und Kinder hingerichtet. Meiner Meinung nach war es für Kinder besonders brutal: Sie wurden einfach mit dem Gewehrkolben erschlagen, weil sie nach der Doktrin des IS keine Kugel wert sind. Wir konnten das feststellen, weil in den Feldern viele zertrümmerte Schädel lagen. Die Männer wurden hauptsächlich enthauptet, wobei ihr Kopf zwischen zwei Gitterstäbe gehängt wurde.

Kann es überhaupt noch Vertrauen zwischen den einzelnen Glaubensgemeinschaften geben?

Jacob: Ich glaube nicht, dass auf absehbare Zeit Jesiden und sunnitische Araber wieder zusammenleben können. Ich glaube eher, dass Frieden nur dadurch geschaffen werden kann, dass man die unterschiedlichen Ethnien und religiösen Gemeinschaften sich eigenständig voneinander entwickeln lässt. Die Jesiden vertrauen nicht der Regierung in Bagdad und überhaupt keinem Sunniten nach all dem, was passiert ist. Allein der Clankodex ruft nach Rache. Es kann kaum Frieden einkehren, weil es die eigenen Nachbarn waren, die sie dem IS ausgeliefert haben. Auch Christen würden sich sehr schwer tun, wieder nach Mosul zurückzukehren. Alle haben diese indigenen Minderheiten allein gelassen. Was danach kam, war ein Abschlachten unter den Augen der Welt.

Gibt es noch Hoffnung für den Irak? Oder ist der Staat gescheitert?

Jacob: Ja, das war schon seit Jahren absehbar. Ich habe seit 2010/2011 persönlich über die Entwicklung des Extremismus berichtet. Auch die westlichen Politiker wussten seither schon, was passieren konnte und schließlich geschehen ist. Sie haben aber nicht gehandelt.

Was denken Sie, sollte jetzt geschehen? Ist eine Trennung entlang religiöser Grenzen notwendig?

Jacob: Die Menschen haben jegliches Vertrauen verloren und glauben nur noch an sich selbst. Entweder lassen wir zu, dass ein massiver Exodus stattfindet. Dann wäre es das Ende des Christentums dort. Oder wir denken darüber nach, was den Wert des Christentums im Nahen Osten ausmacht, vor allem als Bindeglied zwischen den Kulturen und Religionen und versuchen, das christliche Leben dort zu bewahren, indem wir dort Sicherheit gewährleisten. Wenn wir ihnen nicht die Möglichkeit geben, sich selbst zu schützen, dann laufen wir Gefahr, dass es der letzte Genozid, die letzte Vertreibung der Christen und Jesiden war. Danach gibt es keine religiöse Vielfalt mehr in der Gegend.

Wie kann die Zukunft der Christen aussehen?

Jacob: Die Welt debattiert seit Jahren über eine Möglichkeit, die Menschen dort zu schützen, entweder in Form einer Pufferzone, von Kantonen in Syrien, wo es keine zusammenhängenden Siedlungsgebiete der Christen und Jesiden gibt, oder einer Schutzzone im Kernland der assyrischen und chaldäischen Christen sowie der Jesiden in der Ninive-Ebene. Wir müssen unter internationaler Aufsicht den Menschen dort die Möglichkeit geben, dass auf der Basis der Verfassung ihre Menschenrechte eingehalten werden und sie sich innerhalb ihrer eigenen Grenzen verteidigen können, indem man sie als Ethnien anerkennt. Die Christen im Nahen Osten können künftig eine Brücke zwischen den Kulturen bauen.

Abgesehen von der Sicherheitsgarantie müssen wir auch das Thema der Gleichheit der Würde aller Menschen offen bei den Führungen der Länder ansprechen, die die Scharia exportieren. Eine Befriedung ist auch im Interesse Europas angesichts der Flüchtlingskrise: Die Konflikte werden nicht einfach an der türkisch-griechisch Grenze zurückgelassen.

Herr Jacob, wir danken Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch.

 

 

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