Das Schweigen in Auschwitz

Ein kalter, verwalteter Genozid, wie es keinen Zweiten gegeben hat

Von Michaela Koller

OSWIECIM, 30. Juli 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Papst Franziskus selbst hat darauf bestanden, das Konzentrationslager Auschwitz I und das Vernichtungslager  Auschwitz II Birkenau zu besuchen. Über sein Auftreten dort sprach er vorab am 5. Juli mit seinem Freund, Rabbiner Abraham Skorka, als er diesen anlässlich dessen Geburtstag in Buenos Aires anrief. „Er sagte, er werde sich wie in Armenien und einem weiteren Ort verhalten, wo er in Schweigen verharrte“, verriet Skorka in Krakau am Vortag. Er habe in einem Aufsatz für den Osservatore Romano dem Papst in dem Punkt zugestimmt, dass alles, was es zum millionenfachen Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten zu sagen gebe, bereits in der Jerusalemer zentralen Holocaustgedenkstätte in Yad Vashem gesagt worden sei. Auschwitz sei nun fast ein Synonym für die Shoa. Franziskus habe im Dialog diese einmal so beschrieben: „Der Mord an jedem einzelnen Juden war ein Schlag ins Gesicht Gottes.“

Papst Franziskus, der schweigt und betet, wo seine beiden Vorgänger Ansprachen gehalten haben, spreche ohnehin eher durch seine Haltung als durch Worte. In einem Brief Überlebender von Auschwitz an die Weltjugendtagsteilnehmer appellierten diese jedoch: „Empört Euch über das Unrecht und die Gleichgültigkeit derer, die das Unrecht geschehen lassen.“ In den Tagen vor dem Beginn des Weltjugendtags nutzten viele der jungen Katholiken die Gelegenheit, diese Stätten des Völkermords zu besuchen. Der 1982 heiliggesprochene Franziskanerpater Maximilian Kolbe wurde hier ebenso 1941 ermordet wie die 1998 heiliggesprochene Teresia Benedicta vom Kreuz im Jahr 1942. Beide Lebenszeugnisse nahm die Redaktion des deutschen Martyrologium des 20. Jahrhunderts in das Verzeichnis auf. Zu diesem Werk hatte niemand anderes als der Gründer und Patron des Weltjugendtags Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben „Tertio millenio adveniente“ aufgerufen.

Das Tor des Todes - Auschwitz-Birkenau; Copyright: M. Koller

Das Tor des Todes – Auschwitz-Birkenau; Copyright: M. Koller

Fahrten nach Auschwitz mit Führungen organisierten die Pilgergruppen nicht nur auf eigene Faust. Vielmehr bieten Reiseagenturen diese in Krakau an, als ein Ziel zwischen Papstgeburtshaus, Gebirgsort Zakopane und Salzmine. ZENIT ging der Frage nach, wie es sich mit der Würde der Opfer verträgt, die Destination Auschwitz unter anderen Ausflugsangeboten aufzureihen. Ein junger Mann mit hellbraunem Kinnbart im Reisebüro an der Ulica Sienna in der Altstadt von Krakau erklärte, dass vor dem Papstbesuch einige Bereiche in Auschwitz aus Sicherheitsgründen nicht mehr zugänglich sein würden. Weil die Durchführung des Besuchs für die Agentur nun zugleich aufwendiger sei, liege der Preis nicht mehr bei umgerechnet 20, sondern koste sogar 30 Euro. Barackeneinrichtung, die Haare, Schuhe und Koffer der Opfer, die Gaskammern selbst, gab es, selbst für mehr Geld, diesmal nicht zu sehen. Es sind diejenigen Stationen des Museums, vor deren Anblick mancher sich bewusst schont: Auf einem Ausflug nach Wadowice traf ZENIT die 20-jährige Anna aus Stettin, die als freiwillige Helferin bei dem katholischen Großereignis mitwirkte. Sie bekannte: „Ich war noch nicht in Auschwitz und ich weiß auch nicht, ob ich das verkrafte.“

Die Frage, was über diesen Ort noch geschrieben werden sollte, über den schon so viel gesagt wurde, drängte sich als nächste auf. Diese Frage erscheint umso brennender im Anblick von immer neuen Todesfeldern, wie etwa in der irakischen Provinz Ninawa. Wortreich, aber letztlich ohnmächtig, wiesen die Medien der Welt auf das hin, was erst vor zwei Jahren dort geschehen ist. Nach dem Völkermord an den Jesiden liegen dort noch die Schädel und Knochen der Opfer offen auf den Feldern und diese grausigen Funde schilderten auch Gesprächspartner von ZENIT in ihren Interviews. Auschwitz, so betonte aber Papst Franziskus in seinem Dialog mit Rabbiner Skorka, ist anders und hob dabei auf die industrielle Umsetzung des Vernichtungswillens ab.

Im Kleinbus von Krakau schwiegen die meisten Teilnehmer der Tour, nur eine Gruppe Spanier schwatzte munter, scherzte gar noch am Eingang. Von irgendwoher wehte der Duft von Pizza herüber. Am berüchtigten Tor des Stammlagers Auschwitz I angelangt, schwiegen schließlich auch die Spanier und der Fremdenführer mit dem Strohhut sprach: „’Arbeit macht frei‘. Mit diesem Spruch wollten sie den Häftlingen etwas vorgaukeln.“ Als auch er verstummte, war nur noch das Klicken der Kameras zu hören. Zügigen Schrittes ging es weiter. An der Weggabelung berichtete der junge blonde Pole mit Strohhut über die Umsiedlung der Anwohner aus der polnischen Stadt Oswiecim und angrenzender Dörfer, die der Errichtung des Lagerkomplexes 1940 bis 1941 vorausging. „Warum haben die Nazis ausgerechnet diesen Ort dafür ausgesucht“, wollte ein Teilnehmer wissen. Die Antwort blieb der Fremdenführer schuldig.

Inmitten der backsteinroten Kasernenbauten wies er nun auf den Block Nummer 21 hin, wo der „Todesengel“, der Arzt Josef Mengele von 1943 bis 1945 eingesetzt war und seine grausam-qualvollen Menschenversuche unternahm. „Wenn Zwillinge geboren wurden, war mit Sicherheit davon auszugehen, dass sie hier bei Mengele landeten“, sagte der Leiter der Tour einem afroamerikanischen Besucher und fuhr fort: „Ja, Sie mit Ihrer Hautfarbe, mit Ihnen hätte er wohl auch Versuche gemacht.“ Es war zu beobachten, wie Zuhörer die Luft anhielten. Der Mitreisende erwies sich aber als äußerst dickfellig und fragte interessiert weiter, bis die Gruppe vor einem großen Porträt Pater Maximilian Kolbes innehielt.  Hier steht der Todesblock Nummer 11 mit seiner Todeswand für Erschießungen, sowie seinen Folterzellen – wo auch der Franziskanerminorit hungerte und durch eine Giftspritze starb. Und hier wurden die ersten Gasmorde mit Zyklon B verübt. Ein Ort, der im Betrachter den Wunsch nach Einsamkeit, Schweigen und Gebet weckt.

Auf dem Weg hinaus, zum Vernichtungslager Birkenau, steht, gleichsam als Warnung, der Galgen des Rudolf Höß, Lagerkommandant von 1940 bis 1943, an dem dieser am 16. April 1947 nach seiner Verurteilung in Warschau aufgehängt wurde. Seine Aussage in britischer Gefangenschaft gab wesentlich Aufschluss über Ablauf und Umfang der Massenvernichtung.

Eine Stunde bis zur Abenddämmerung blieb der Gruppe noch für das weite Gelände von Auschwitz-Birkenau, wo die Bahngleise durch das rote Ziegelsteintor zur Endstation Endladerampe führten. Es war das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Der Mann mit dem Strohhut ließ die Gruppe in dieser Stunde allein, und überließ sie so der Stille: Auf dem weitem Gelände verteilten sich die verbliebenen Besucher des Geländes, die vereinzelt an Stacheldraht, Wachtürmen und Ruinen von Gaskammer und  Krematorium vorbeizogen. Die einzige Ausstellung ist auch hier an diesem Tag nicht zugänglich.

Vor der sogenannten Sauna, die zur Registrierung und Desinfektion der Häftlinge diente, steht eine der mehrsprachigen Infotafeln, auf der die quälende Prozedur an diesem Ort beschrieben ist: Seuchen und Lausbefall grassierten unter den unwürdigen Bedingungen, die Menschenschinder wollten sich nicht selbst anstecken, daher sahen sie sich vor: Kleiderdesinfektion, Haarrasur, medizinische Untersuchung, Duschen. An dieser Stelle wird es dem Betrachter deutlich: Es war ein kalter, verwalteter Genozid, wie es keinen Zweiten gegeben hat, dessen Täter ihm den Anschein von Ordnung zu geben suchten, die Werte einfach umkehrten, nachdem sie schon lange die Wahrheit weggesperrt hatten.

Polens Oberrabbiner Michael Schudrich, der den Papst in seinem Schweigen begleitete, erklärte vorab seine Haltung: Wer einmal das Gelände des Auschwitz-Komplexes betreten habe, lerne Dinge, die kaum mit Worten ausgedrückt werden könnten. Jedoch betonte er zugleich, mit Bezug auf den Terrorakt in einer Kirche in der Normandie: „Der Angriff lehrt uns, dass, wenn wir einmal durch das Tor des Todes von Birkenau hindurch geschritten sind, wir schreien, ja brüllen und kämpfen müssen gegen alle Formen der Ungerechtigkeit.“

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Empfehlung der Redaktion, Nachrichten, Vatikan veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.