„Europa soll sich nicht vor geplagten Christen abschotten“

Lebensgefährlicher Einsatz der Rechtsanwältin Aneeqa Anthony für die Bedrängten in Pakistan

Von Michaela Koller

ROM, 30. August 2016 (Vaticanista/Die Tagespost).- Am Abend im Borgo, dem römischen Viertel zwischen Engelsburg und Vatikan, nach ihrer denkwürdigen Begegnung mit Papst Franziskus, berichtete die pakistanische Menschenrechtsanwältin Aneeqa Anthony über die Zeit ihrer Flucht vor einer Fatwa. Ein Mufti, der dem IS nahesteht, hatte im letzten Dezember an vielen öffentlichen Plätzen in der pakistanischen Stadt Lahore ein islamisches Rechtsgutachten aushängen lassen, dem zufolge jedem Muslim das Paradies gewiss sei, der die Rechtsanwältin, ihre Angehörigen und Unterstützer töte. Sie gehe gegen die Pakistans Blasphemiegesetze vor und sei daher todeswürdig.

Aneeqa Anthony bei den drei Waisenkindern beim Bemalen des Stein des Anstoßes; Foto: The Voice Society

Aneeqa Anthony bei den drei Waisenkindern beim Bemalen des Stein des Anstoßes; Foto: The Voice Society

Im Gespräch bei einer Pizza fiel die Anspannung von ihr ab und die 35-Jährige Christin aus Lahore sprach zum ersten Mal an diesem Tag von der harten Zeit, die hinter ihr lag: „Im Punjab wird es im Winter sehr kalt. In unserem Versteck haben wir furchtbar gefroren. Die Kinder wurden krank.“ Vor ihrem Haus war sie zuvor schon observiert worden, ein Mitarbeiter wurde zur Warnung zusammengeschlagen. Streng genommen war dieser Abend der Erste, an dem Anthony ruhig zu Bett gehen konnte. Dennoch hatte schon kurz vor ihrem Abflug festgestanden, dass ihr Aufenthalt in Europa nur sehr kurz ausfallen werde.

Erst verweigerte die italienische Botschaft den zwei kleinen Kindern im Altern von einem und vier Jahren das Visum, schließlich händigten sie entgegen wider Erwarten ihrem Mann Shahid den Pass nicht aus, weswegen er zurückbleiben musste. Sie alle hatte die Präfektur des Päpstlichen Hauses zur Audienz am 22. Juni eingeladen, in deren Rahmen eine kurze Begegnung mit Papst Franziskus vorgesehen war. Die Botschaft wusste davon, ließ sich sogar noch das Schreiben von Erzbischof Georg Gänswein übersetzen, blockierte die Einreise dennoch, wohl aus Sorge, die bedrängten Christen könnten Asyl beantragen. „Alles liegt in Gottes Hand“, sagte Anthony in einer ersten Reaktion.

Ihre Botschaft an Papst Franziskus fiel dann politischer aus: „Mögen sich doch die europäischen Staaten nicht vor den geplagten Christen abschotten. Helfen Sie uns, deren Regierungen zu überzeugen!” Sie überbrachte ihm an dem sonnig-heißen Vormittag ein außergewöhnliches Geschenk: Drei christliche Waisenkinder, die sie vor Gericht vertritt, hatten einen Ziegelstein bemalt und sie diesen als Symbol der Unterdrückung vieler Christen in ihrer Heimat überreichen lassen, wo viele Glaubensgeschwister wie Sklaven in Ziegeleien schuften. Auch den Eltern der drei Waisenkinder Salman, Sonia und Poonam erging es so. Als Gerüchte aufkamen, das Ehepaar hätte Seiten aus einem Koran verbrannt, ließ der Besitzer der Ziegelei, Yusuf Gujjar, sie nicht fliehen. Ein Onkel hatte ein Kind adoptiert und das Fünfte war unterwegs, als eine aufgebrachte Menge das Paar am 4. November 2014 unter dem Vorwurf der Gotteslästerung aufgriff, ihm die Kleider vom Leib riss, die Beiden brutal zusammenschlug, ihnen dabei die Beine brach und sie anschließend noch lebend in den Brennofen der Ziegelei stieß. Ihre Kinder, die der wütende Mob mitergreifen wollte, hatte eine Tante in Sicherheit gebracht.

Lynchmorde allein aufgrund eines Verdachts ereigneten sich bereits mehrfach seit der Einführung der Blasphemie-Gesetze in den achtziger Jahren unter Präsident Zia ul-Haq, die drakonische Strafen vorsehen und sich überproportional gegen Minderheiten richten. Aber Aneeqa Anthony war es, die zusammen mit Anwaltskollegen dafür sorgte, dass solche Täter erstmals zur Verantwortung gezogen wurden. In diesem Fall kamen 106 Verdächtige hinter Gitter. Dass eine gebildete Frau, eine Christin zumal, solchen Einfluss hat, passt nicht ins Weltbild extremistischer Muslime. So sannen sie auf Rache.

„Sie mussten miterleben, wie ihre Eltern, Shama und Shahzad, lebendig im Ziegelofen verbrannt wurden“, berichtete sie dem Papst weiter, der tief bewegt zuhörte. Sie alle seien nun nicht mehr sicher in ihrer Heimat, beklagte sie. „Pakistan ist kein sicheres Herkunftsland – nicht für uns Christen und vor allem nicht für die Kinder von Shama und Shahzad“, sagte sie, während sie ihm den Ziegelstein zeigte. Obwohl sie entsprechende Voraussetzungen der Überzeugung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) zufolge erfüllt, scheiterten vorerst die Versuche, die christliche Rechtsanwältin im Rahmen des europäischen Schutzprogramms für Menschenrechtsverteidiger nach Deutschland zu holen.

Bereits als sie angefangen hatte als Rechtsanwältin zu praktizieren, musste sie erstmals in dieses Programm aufgenommen werden. Sie war von Fanatikern wegen Gotteslästerung falsch beschuldigt und bedroht worden. Diese hatten zudem versucht, die Tochter einer katholischen Familie zum Glaubenswechsel zu drängen: „Diese Bigotten glauben dadurch, dass sie Zwang auf Christen ausüben, zum Islam zu konvertieren, auf diese Weise Zugang zum Paradies zu gewinnen“, kommentierte sie.

Am 21. August 2008 kam es zu einer schicksalhaften Auseinandersetzung im Gericht: Muslimische Kollegen hatten die junge Rechtsanwältin in ein Gespräch über den Propheten Mohammed verwickelt. Sie war in eine Falle getappt: Die Kollegen warfen ihr Blasphemie vor. Zwei Tage später gelang ihr die Flucht außer Landes und die Karriere der begabten jungen Frau war vorerst jäh beendet.

Schon im Alter von drei Jahren hatten ihre Eltern die Hochbegabte zur Schule geschickt, mit 14 Jahren begann sie ihr Studium an der Universität von Punjab, zunächst in den Fächern Soziologie, Journalismus und Englische Literatur, und daraufhin in Jura, was sie später auch am College lehrte. Drei Anschlägen auf ihr Leben war sie vorher schon knapp entkommen.

„Ich sehe mich noch in dieser engen Straße, vom wütenden Mob umringt“, berichtete sie im Gespräch. Sie war auf dem Weg zu ihrem ersten Klienten. Auch ihm wurde Blasphemie vorgeworfen. Das Gerücht hatte sich wie ein Lauffeuer in seiner Nachbarschaft verbreitet. Bevor überhaupt Sicherheitskräfte einschreiten konnten, waren fanatische Nachbarn schon wild entschlossen, Selbstjustiz zu üben. Bald wusste jedermann in der Enge des Viertels, dass sich ein Auto näherte, das dort noch nicht gesehen worden war. Wütende Männer und Frauen eilten Anthony entgegen. „Wir konnten uns auf einmal weder nach vorn noch zurück bewegen“, erinnerte sie sich. „Wir waren vom Mob umzingelt.“ Männer schlugen auf den Wagen ein. „Wir dachten drinnen nur, sie zünden uns gleich an.“ Aneeqa Anthony und ihre Kollegen sahen schon ihr Ende nahen und flehten zu Gott, er möge sie retten. „Wie durch ein Wunder ließen sie plötzlich von uns ab“, sagte sie. Nicht einmal ein Kratzer sei auf dem Autolack zurückgeblieben. „Unsere einzige Hoffnung ist Jesus Christus und das Gebet ist unser Trost“, bekannte sie im Gespräch.

Im Jahr 2009 ist sie trotz des hohen Risikos zurückgekehrt, nachdem sie sich auch zeitweise bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) engagiert hatte. Ihr damaliger Verlobter hatte auf sie gewartet und sie konnten heiraten. Er arbeitet mit ihr zusammen in der eigenen Organisation für rechtliche und humanitäre Hilfe The Voice Society, die sie schon als Studentin gegründet hatte. Sie unterstützen nicht nur Benachteiligte durch anwaltliche Hilfe, sondern helfen auch bedürftigen Kindern im Rahmen eines Patenschaftsprogramms, zur Schule gehen zu können. Seit vorletztem Jahr gehören auch die Kinder von Shama und Shahzad zu den Empfängern, die mit ihrem Ziegelstein-Kunstwerk vor kurzem den Papst beeindruckt haben dürften.

 

[Erstmalig erschienen in: Die Tagespost, 25. August 2016]

 

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