„Der Papst sollte diesen Staatskleriker auf Distanz halten“

Interview mit dem Iran-Experten Wahdat-Hagh

BERLIN, 3. September 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- „Es ist unbedingt notwendig, dass die Religionsführer der Welt klare und starke Positionen gegenüber Gewalt und Barbarei in jedem Teil der Welt einnehmen, insbesonders wenn solche Handlungen im Namen der Religion begangen werden.“ So schreibt der Großayatollah von Qom, Naser Makarem Shirazi, in einem Brief an Papst Franziskus, über den vor einigen Tagen berichtet wurde. Über die Rolle dieses Großayatollahs, die Hintergründe seines Schreibens und die Situation im Iran hinsichtlich der Anwendung von Gewalt sprach Michaela Koller mit dem deutsch-iranischen Politikwissenschaftler und Soziologen Wahied Wahdat-Hagh. Er schrieb seine Doktorarbeit über „Die islamische Republik Iran. Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus“.

 

Der iranische Großayatollah Naser Makarem Shirazi hat an Papst Franziskus geschrieben und lobt ihn für dessen Unterscheidung zwischen Islam und Terrorismus. „Ihre weise und logische Grundhaltung zum Islam, indem Sie die Religion von den unmenschlichen Handlungen und Grausamkeiten von Takfiri-Gruppen wie dem IS abgrenzen, ist wirklich bewundernswert“, heißt es in dem offenen Brief wörtlich. Es gibt mehrere Großayatollahs. Welche Rolle spielt dieser?

Wahied Wahdat-Hagh: Der Papst sollte diesen Staatskleriker auf Distanz halten. Ich versuche zu begründen, warum: Dieses Zitat, das Sie anführen, ist eine logische Konsequenz der iranischen Außenpolitik zur Unterstützung von Assad im Kampf gegen den IS, wobei in diesem Kampf auch prowestliche Kräfte von den iranischen, russischen und Assads Armeen vernichtet werden.

Makarem Shirazi ist einer der Staatskleriker der ersten Stunde der Islamischen Revolution und der islamischen Republik Iran. Als ein besonders einflussreiches Mitglied hat er maßgeblich an der Islamisierung der ursprünglichen Fassung der Verfassung gewirkt. Der Großayatollah reagiert auch nicht zum ersten Mal auf die Ausführungen eines Papstes.

Er hatte schon Papst Benedikt XVI. aufgefordert, zu einem öffentlichen Streitgespräch mit ihm anzutreten. Denn der Islam habe sich nicht mit der Gewalt des Schwertes in der Welt verbreitet, argumentierte er. Die ideologische Dimension seiner Ausführungen wird deutlich, wenn er sich einerseits gegen den Terror des IS ausspricht, aber den Dschihad, den Kleinkrieg der Hamas und der Hisbollah gegen Israel, verteidigt. 

Welche Rolle spielt er denn innerhalb der islamischen Welt?

Wahied Wahdat-Hagh: Der Großayatollah verkündet auch gerne Fatwas. Beispielsweise verfasste er eine Fatwa gegen den Rapper Shahin Najafi aus Köln. Dieser habe den Propheten beleidigt. Er sei ein Abtrünniger. Seitdem lebt der Musiker in Untergrund. Der Großayatollah erklärte auch den berühmten Intellektuellen Akbar Ganji zum Apostaten. Dies sind durchaus gewalttätige Schritte, denn man erklärt solche Personen damit als vogelfrei.

Er gilt als ein besonders zynischer Staatskleriker. Für Gelächter haben seine Ausführungen zum vermeintlich unnötigen Verzehr von Hühnern gesorgt. Es sei nicht nötig, sich über die zu hohen Preise für Hühnerfleisch zu beschweren. Er gehe mit gutem Beispiel voran und habe schon aufgehört Hühnerfleisch zu essen. 

Eine Allianz zwischen einem Papst, der für Barmherzigkeit und Frieden eintritt, und diesem schiitischen Gelehrten ist demnach wohl unrealistisch?

Wahied Wahdat-Hagh: Bestenfalls eine unheilige Allianz und davon kann man, wie gesagt, dem Papst abraten. Der iranische Staatskleriker Makarem Shirazi denkt strategisch, im Sinne der iranischen Außenpolitik. Die proiranischen Terrororganisationen üben in seinen Augen einen legitimen Widerstand aus, aber der IS eben nicht. Das Problem ist tatsächlich, dass zwar die EU und auch die USA definiert haben, welche Organisationen als terroristisch einzustufen sind, aber die iranischen Staatskleriker haben außer im Kampf gegen den IS gänzlich andere Positionen, insbesondere wenn es um den militärischen Kleinkrieg gegen Israel geht.

Wie ist denn der Blick solcher Gelehrter wie Shirazi auf andere religiöse Minderheiten? Wie sieht die rechtliche Stellung der Christen im Iran aus?

Wahied Wahdat-Hagh: Es ist bekannt, dass er gerne diskutiert und auch Diskussionen zulässt. Dies tut er aber nur insoweit, weil er klären und beweisen will, die islamische Herrschaft und der Islam als Religion habe gegenüber dem Christentum und Judentum sowie natürlich auch anderen Religionen gegenüber einen höheren Stellenwert. Die offiziellen Kirchen dürfen sogar Vertreter im iranischen Majless haben, das zwar den Namen eines Parlaments trägt, aber wahrlich nicht verdient hat: Nicht etwa unabhängige Vertreter des Volkes dürfen da rein gewählt werden. Das christliche und das jüdische Majlessmitglied müssen die islamistische Diktatur unterstützen. 

Gibt es Unterschiede in der Stellung einzelner christlicher Konfessionen?

Wahied Wahdat-Hagh: Besonders die Hauskirchen, die es immer noch gibt, wenn sie nicht auffliegen, sind gefährdet. Das heißt, dass unter den Christen insbesondere die Neukonvertiten bedroht sind. Die anerkannten Kirchen müssen eben diktaturtragend sein, sonst bekommen sie auch Probleme. Wirkliche Freiräume haben sie nicht in der sogenannten Islamischen Republik Iran. 

Hat sich etwas seit zwei Jahren zugunsten der Religionsfreiheit im Iran bewegt, seit der als moderat geltende Hassan Rohani das Amt des Präsidenten angetreten hatte? 

Wahied Wahdat-Hagh: Nein. Religionsfreiheit kann es laut Verfassung und islamischer Gesetzgebung nicht im gegenwärtigen islamischen Iran geben. Denn solange der Mensch in einer Gesellschaft nicht frei entscheiden darf, ob er noch Muslim bleiben darf, will oder nicht, gibt es eine solche Freiheit nicht. In der Islamischen Republik Iran, in einer totalitären Diktatur, die bestenfalls frei für selektive Kapitalinvestitionen, die der technologischen Stabilität der Diktatur dienen,frei ist, gibt es diese Freiheit nicht. Mit den offiziellen Kirchen geht man eher strategisch und hofft langfristig auf das biologische Ende.

Wie fügt sich denn dies in die gesamte Menschenrechtslage ein?

Wahied Wahdat-Hagh: Die Menschenrechtslage ist weiterhin katastrophal, nicht nur für Hauskirchen-Anhänger, sondern auch für Journalisten, Menschenrechtler und generell Andersdenkende. Laut Informationen der Menschenrechtsorganisation der Borumand Foundation wurden im Jahr 2011 611 Menschen hingerichtet, ein Jahr darauf 579. Im Jahr 2013 stieg die Zahl auf 913, 2014 waren es 964 Hinrichtungen, 2015 1052. Es sollte aber abschließend betont werden, dass die Anhänger der Bahai-Religion von der Bedrohung betroffen sind, die gegenwärtig auf die Vernichtung ihrer gesellschaftlichen Existenzgrundlagen abzielt. Das ist besonders besorgniserregend.

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