Sie hat einen Lichtstrahl der göttlichen Liebe sichtbar gemacht

Interview mit Monsignore Leo Maasburg über Mutter Teresa

ROM, 4. September 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Monsignore Leo Maasburg war lange Wegbegleiter von Mutter Teresa, die er durch seine Arbeit für den slowakischen Untergrundbischof Paul Hnilica kennenlernte, als Ratgeber und geistlicher Reisebegleiter sowie als Übersetzer. Er hat ein Buch mit dem Titel „Mutter Teresa – Die wunderbare Geschichten“ (Knaur Taschenbuch, München 2016) geschrieben. Darin erzählt er als Augenzeuge, wie Mutter Teresa wirklich war. Von 2005 bis vor wenigen Tagen war er Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke Österreich. Michaela Koller befragte ihn über charakterliche Eigenschaften der „Ikone der Barmherzigkeit“ und seine Erlebnisse mit ihr.

Mutter Teresa 1989 beim Familienkongress in Bonn; Foto: M. Koller

Mutter Teresa 1989 beim Familienkongress in Bonn; Foto: M. Koller

Am Sonntag ist Mutter Teresa heiliggesprochen worden. Die Heiligen gelten uns als Vorbilder. Was sagen Sie als jemand, der Sie persönlich kann: Entspricht nicht Mutter Teresa einem fast unerreichbaren Ideal?

Msgr. Maasburg: Wenn man sagt, man müsse eine Heilige eins zu eins nachahmen, dann ist sie sicherlich unerreichbar. Aber sie hat ja selbst gesagt: „Was Du tun kannst, kann ich nicht tun. Und was ich tun kann, kannst Du nicht tun. Aber zusammen können wir etwas Schönes für Gott tun.“ Mutter Teresa war eine sehr klare „Ikone der Barmherzigkeit“. Sie hat einen Lichtstrahl der göttlichen Liebe sichtbar gemacht. Das tat sie weise, zu jeder Zeit und mit Durchschlagskraft. Das war das Unerreichbare an ihr. Zugleich war sie ganz feinfühlig, nie verletzend, obwohl sie ein feuriger Charakter war, keine lahme Ente.

Sie zeichnete offenbar auch Unermüdlichkeit und Zähigkeit aus. Woher kam die Kraft dazu?

Msgr. Maasburg: Sie hatte am 10. September 1946 eine Vision gehabt, später auch noch weitere. Da hat sich die große Liebe für den HERRN, die sie hatte, noch einmal ganz deutlich gesteigert. Sie hat gesagt, dass dem Herzen Jesu ihre erste und einzige Liebe schon als Kind galt. Die Liebe hat sie motiviert, alles das zu tun, was sie tun konnte, um seine Sehnsucht, die sich im Wort „mich dürstet“ ausdrückt, das Jesus am Kreuz sprach, zu stillen und darauf eine Antwort zu geben. Ihre Antwort war: Ich stille diesen Durst. Gemäß Matthäus 25, 40: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Das hat sie ihr ganzes Leben lang als Dankbarkeit und zum Beweis ihrer Liebe zu Jesus tun wollen. Das war ihre Motivation und daher rührte auch diese Unermüdlichkeit. Sie hatte den Drang, soviel wie möglich in einen Tag zu packen. Wenn jemand sagte, er wolle etwas am nächsten Tag erledigen, fragte sie: Warum nicht heute?

Was war denn aus Ihrer Sicht ihre hervorstechendste Eigenschaft?

Msgr. Maasburg: Das war sicher ihre Nähe zu Christus, oder seine Nähe zu ihr. Man hatte wirklich den Eindruck, er lebt in ihr und handelt durch sie. Das ist den Menschen, die ihr begegneten, am meisten aufgefallen. Da war eine Präsenz, ein Kraft und Helligkeit sowie Zärtlichkeit, die ungewöhnlich war. Ich glaube, dass sie verwirklicht, was der heilige Paulus sagt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“

Sie waren viel mit ihr auf Reisen. Was haben Sie dabei in dieser Hinsicht mit ihr erlebt?

Msgr. Maasburg: Auf Reisen war sie immer das Zentrum der kleinen Reisegruppe. Wo immer sie hinkam, war sie in kürzester Zeit im Zentrum des Interesses, ob das beim Warten auf dem Flughafen war oder bei der Ankunft in einer Stadt. Sie hat die Menschen fasziniert und angezogen. Es waren immer mehr als 100 Leute um sie herum, ganz auf sie konzentriert. Das geschah nicht, weil sie sich zum Mittelpunkt gemacht hätte. Wahrscheinlich hätte sie viel lieber ihre Ruhe gehabt und gebetet oder geschrieben. Ganz selten hat sie gesagt: „Jetzt ist es genug, jetzt beten wir.“ Ich erinnere mich an eine achtstündige Zugfahrt durch Indien. Die Leute haben sich zu ihr durch gerangelt, nur um von ihr einen Segen zu bekommen, oder sie zu bitten, ihnen einen Segen in ein Buch reinzuschreiben. Sie hat das mit einer Engelsgeduld und einer Energie, die uns Junge hat alle erblassen lassen, stundenlang getan. 

Mutter Teresa sagte einmal: Lass nicht zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher geworden ist! Wie haben Sie das bei ihr erlebt?

Msgr. Maasburg: Das ist wirklich ein sehr schönes Wort. Selbst bei längeren Begegnungen und nicht nur bei kleinen, spontanen hat sie es geschafft, jeden freudig weggehen zu lassen. Erstens war man dankbar für die Mütterlichkeit, die sie ausgestrahlt hat, für die Aufmerksamkeit, die sie für unsere kleinen alltäglichen Probleme aufgebracht hat, wie sie sich darauf konzentriert hat, und sofort versuchte zu helfen, wenn sie irgendwie helfen konnte. Das Wort erinnert auch an den heiligen Chrysostomos, der schrieb: „Wie wollen wir denn die Liebe Gottes zeigen, wenn nicht an uns. Es gäbe keine Heiden, wenn wir wahre Christen wären.“ Mutter Teresa hat Unrecht, Benachteiligungen und Beschimpfungen ertragen, da sie nicht von allen begrüßt wurde. Sie hat nie negativ reagiert. Sie war schon über 80 Jahre alt, als sie sagte: „Eine Sünde musste ich nie beichten, die, dass ich jemanden verurteilt hätte.“

Mutter Teresa hat sich dabei aber ganz gezielt mit aller Energie und Zärtlichkeit den Armen zu gewandt…

Msgr. Maasburg: Nicht nur die Zärtlichkeit, mit der sie den Armen begegnet ist, war bemerkenswert, sondern die Bedeutsamkeit, die sie dieser Begegnung zugemessen hat und die sie in ihrem Leben zu hundert Prozent gelebt hat. Papst Franziskus greift diese Wichtigkeit in seinem Schreiben Evangelii Gaudium auf, wo er in Nr. 197 schreibt: „Im Herzen Gottes gibt es einen so bevorzugten Platz für die Armen, dass er selbst arm wurde. Unser ganzer Weg zur Erlösung ist von den Armen geprägt.“ Und dann folgt ein sehr wichtiger Satz: „Gott hat sich so mit den Armen identifiziert, dass die Barmherzigkeit ihnen gegenüber der Schlüssel zum Himmelreich ist.“ Unsere Erlösung wird also von unserer Einstellung zu den Armen abhängen. Mutter Teresa hat jeden zu den Armen hingeführt. Sie sagte, sie stille Jesu Durst, indem sie in den Ärmsten der Armen Jesus liebte. Dabei hat sie oft betont: „Ihr müsst nicht nach Kalkutta kommen, um die Armen zu finden. Sucht sie in der eigenen Familie und wandelt eure Liebe zu Christus in eine tätige Liebe ihnen gegenüber um.“

Wenn wir anlässlich der bevorstehenden Heiligsprechung auch noch einmal Mutter Teresas Erfahrung mit der „Nacht der Seele“ betrachten: Welche Bedeutung kann dies gerade im Jahr der Barmherzigkeit haben?

Msgr. Maasburg: Das Phänomen ist in der Kirche bekannt; der Ausdruck stammt von Johannes vom Kreuz. Bei Mutter Teresa dauerte dies 35 Jahre. Wir sehen daraus, dass sie eine sehr ungewöhnliche Heilige ist, eine Jahrtausendheilige. Eine Nacht der Seele wird nur denen gewährt, die Gott in seinen Dienst nehmen kann. Dieser Mensch nimmt so wie Christus das Leiden der Gottferne auf sich. Im Jahr der Barmherzigkeit wird der Satz von Mutter Teresa wahr, die einmal sagte: „Sollte ich irgendwann einmal eine Heilige sein, dann werde ich sicher eine Heilige der Dunkelheit sein, denn ich werde immer vom Himmel abwesend und an den dunkelsten Stellen der Erde sein, um dort ein Licht anzuzünden.“ Das Licht weist im größten Dunkel wieder zu Gott hin. Das heißt, dass man nicht die Sünde verneint, sondern dass man sagt, dass aus jeder Sünde durch die Barmherzigkeit Gottes ein Weg zu IHM heraus führt.

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