Ein Papst emeritus, der sich selbst entmythologisiert

Peter Seewald will „die einfachen Menschen“ mit seinem neuen Wurf erreichen

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 12. September 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Genau zehn Jahre nach seinem historischen Besuch in der bayerischen Heimat steht fest: Der emeritierte Papst Benedikt XVI. möchte den Vatikan nicht mehr verlassen. Diese Nachricht hat sein Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein am Montag bei der zentralen Präsentation des Interviewbands „Letzte Gespräche“ (Droemer, München, 2016) mit Peter Seewald in München überbracht, zusammen mit herzlichen Grüßen an die Versammelten. Er gehe davon auch aus, dass er den Einladungen, die Legion seien, nicht folgen werde, sagte der Erzbischof.

Benedikt XVI. sei geistig in guter Verfassung, empfange regelmäßig Besuch, schreibe noch immer viel mit dem Bleistift und predige jeden Sonntag. Bereits nach Embolie im Jahr 1994 kam es zu eine gelben Fleck auf der Netzhaut. „Der halbblinde Papst. Ein Aufhebens hat er nie darum gemacht“, betonte der Erzbischof. Inzwischen kommen Altersgebrechen hinzu; dem einstigen leidenschaftlichen Wanderer fielen die Schritte schwer und er stütze sich auf den Rollator.

v.l.n.r. Peter Seewald, Tilman Schöberl, Erzbischof Georg Gänswein; Copyright: K. Schlotter

v.l.n.r. Peter Seewald, Tilman Schöberl, Erzbischof Georg Gänswein; Copyright: K. Schlotter

Bayerische Mentalität und Lebensart verbinde beide, Interviewer und Interviewten, miteinander. „Man spürt, dass man leichter auf den Punkt kommt; es gibt keine Sprachbarrieren“, sagte Peter Seewald auf die Frage des Moderators Tilman Schöberl nach den gemeinsamen bayerischen Wurzeln.

Seewalds eigener Glaubensweg ebnete den Weg noch weiter: Es war daher nicht überraschend, dass er Benedikt XVI. nicht „grillte“, wie Erzbischof Georg Gänswein betonte: Im Zuge des ersten gemeinsamen von vier Interviewbänden, „Salz der Erde“, im Jahr 1996 erschienen, besann der Journalist sich wieder auf seinen Glauben und kehrte in den Schoß von Mutter Kirche zurück. Die Steifheit der ersten Fernsehinterviews mit seinen Kollegen, wie vor der päpstlichen Bayernreise vor genau zehn Jahren, ist im Gespräch mit Seewald einer gewissen Leichtigkeit gewichen.

Der emeritierte Papst sprach in einem „ratschenden Plauderton“, wie Benedikts Privatsekretär und Präfekt des Päpstlichen Hauses Erzbischof Gänswein auf gut Bayerisch betonte. Er unterstrich dies ebenso wie die verschiedenen Tonhöhen der Heiterkeit, die Seewald in Klammern den wörtlichen Aussagen des ehemaligen Pontifex im Buch hinzufügt: „Der Papst lacht auf, er lacht heftiger, er lacht lauthals“, reihte Gänswein auf.

Peter Seewald zeigte aber bei der Präsentation in München, dass er weit entfernt von der Versuchung ist, die Begegnung mit dem zurückgetretenen Nachfolger Petri aufzuwerten oder auszuschmücken, wie Journalisten dies zuweilen eitel in der Beschreibung ihres Zugangs zu Persönlichkeiten des Zeitgeschehens tun. Nüchtern schilderte den Umgang als „sehr professionell“; Benedikt habe sehr streng das Zeitlimit ihrer Sitzungen geachtet und bereitwillig geantwortet.

„Als klar war, dass es ein eigenes Buch wird, habe ich natürlich damit gerechnet“, antwortete Peter Seewald auf die Frage von ZENIT, ob ihn denn die Kritik an den Aussagen des emeritierten Papstes zu einem „etablierten und hochbezahlten Katholizismus“ in Deutschland überrascht habe. „Die Antwort ist absolut nicht neu“, verteidigte ihn Seewald mit Verweis auf die Freiburger Rede über die Entweltlichung 2011. „Franziskus würde es ähnlich sagen“, fuhr er fort. Das Papstbashing habe in Deutschland ein paar Großmeister hervorgebracht. Trotzdem treffe und ärgere es ihn. „Ich spüre eine große Verantwortung auf mir“, begründete Seewald dies. Er habe den emeritierten Papst, der sich zunächst nach seinem Rücktritt in Schweigen hüllen wollte, erst für die Veröffentlichungen des Interviewbuchs gewinnen müssen.

Den Vorwurf, der Papa emerito wolle sich rechtfertigen, könne er nicht verstehen. Und gegen den Vorwurf eines „Tons des Beleidigtsein“, der ein Kollege in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Antworten erkannt haben wollte, verteidigte Seewald den Interviewten. Papst Benedikt XVI., so klang es für ihn, habe mit großer Offenheit gesprochen und dies auch mit einer hohen, fast literarischen Qualität. „Papst Benedikt ist ja auch ein Poet“, verteidigte der 62-Jährige den Band, der in zwölf Sprachen auf den Markt kommt. „Dieses Buch ist für die einfachen Menschen geschrieben, vor allem auch für die Gläubigen“, sagte er.

Die Aussagen Benedikts seien weder ein Testament, noch die Korrektur seines Testaments, betonte Erzbischof Gänswein. Er entmythologisiere sich immer wieder selbst, lasse niemals zu, dass der Interviewer ihn auf ein Podest hebt. „Er sabotiert amüsiert und auf das Liebenswürdigste jeden Versuch einer Heiligsprechung zu Lebzeiten“, bilanzierte Erzbischof Gänswein in seiner Ansprache.

Seewald selbst bezeichnete es als „historisches Dokument“, räumte jedoch ein, keinen Einblick in die persönlichen Akten des einstigen Pontifex gewährt bekommen zu haben. Der Weg zu seinem Lebenswerk, das weit über das Pontifikat hinausgehe, werde immer wieder verschüttet. „Es ist schön, die Klarstellungen aus authentischem Mund noch zu Lebzeiten zu vernehmen.“

Bleibt abzuwarten, wie die Biographie, die auf der Grundlage dieser Gespräche noch entstehen soll, schließlich verfilmt wird. Regisseur Joseph Vilsmaier will sich dieser Herausforderung widmen, wie bei der Gelegenheit bekannt wurde.

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