Ein paar liebe Worte für die Muslime

Interview mit dem Islamwissenschaftler Samir Khalil Samir SJ über die Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. und Äußerungen von Papst Franziskus zum Islam

Von Michaela Koller

ROM, 15. September 2016 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der Jesuitenpater Samir Khalil Samir wurde 1938 in Kairo geboren. Der Islamwissenschaftler, Theologe und Experte für die christliche arabische Literatur des Mittelalters forscht und lehrt hauptsächlich in Beirut und Rom. Zehn Jahre nach der Regensburger Rede bestätigt der Jesuit, wie sehr die Vorlesung des emeritierten Papstes auch dem islamwissenschaftlichen Forschungsstand entsprach und erklärt, warum er nun Papst Franziskus widersprechen musste.

Papst Franziskus hat während der fliegenden Pressekonferenz am 31. Juli auf dem Rückflug von Krakau nach Rom betont, dass es in fast allen Religionen immer eine kleine fundamentalistische Gruppierung gebe und Angehörige anderer Religionen genauso wie Muslime Gewalt anwenden. Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie von der Äußerung erfuhren?

P. Samir: Ich muss ehrlich sagen, dass seine Rede unpräzise war. Ich erinnere mich, dass er gesagt hat, es gäbe im Koran keine Gewalt. Das ist falsch. In diesem Punkt ist der Papst nicht richtig informiert und das ist traurig. Es ist auch nicht richtig zu sagen, in allen Religionen gäbe es Gewalt. Man möge mir einen gewalttätigen Vers im Evangelium zeigen. Das, was die islamischen Terroristen tun, tun sie im Namen Gottes und folgt dem Ruf Allahu akbar – Gott ist der Größte. Auf ihren Fahnen steht: „Es gibt keinen anderen Gott außer Gott und Mohammed ist der Prophet Gottes.“ Das ist das Credo der Muslime. Sie tun dies nicht im Namen des Staates oder der Kultur. Wenn ein Italiener eine Person tötet, tut er dies nicht im Namen des Evangeliums. Das Evangelium ist nicht nur gewaltfrei, sondern gegen Gewalt, weil Christus die Gewalt auf sich genommen hat.

Aber der Papst wird es doch eigentlich besser wissen… Konnten Sie mit ihm darüber sprechen?

Jesuitenpater Samir Khalil Samir; Foto: M. Koller

Jesuitenpater Samir Khalil Samir; Foto: M. Koller

P. Samir: Ich hatte seinen ägyptischen Sekretär Pater Yoannis Lahzi Gaid, der im Priesterseminar in Kairo mein Student war, angerufen und ihn gebeten, den Heiligen Vater wegen des Gesprächs mit dem Großscheich von Al-Azhar treffen zu können. Am Montag, den 6. Juni, durfte ich für eine halbe Stunde beim Heiligen Vater zur Privataudienz kommen. Wir haben sehr freundlich miteinander gesprochen. Ich habe am Anfang vorgebracht, Ahmed al-Tayyeb habe nicht die ganze Wahrheit gesagt. Er hat darauf hingewiesen, dass Al-Azhar vor mehr als fünf Jahren alle Verbindungen zum Vatikan abgebrochen hat. Der Grund war die Bitte von Papst Benedikt XVI. an die ägyptische Regierung, die Kopten zu verteidigen, nachdem Terroristen viele Menschen in einer Kirche in Alexandria am 1. Januar 2011 durch eine Bombe getötet hatten. Al-Tayyeb kritisierte, es sei unakzeptabel, dass der Papst sich in die Politik Ägyptens einmische. Daher breche er den Kontakt ab. Deshalb hat nun Papst Franziskus versucht, ein paar liebe Worte zu den Muslimen zu sagen. Mit genaueren Informationen wäre es besser gewesen.

Wie war die Reaktion unter orientalischen Christen auf die Worte von Papst Franziskus?

P. Samir: Die fielen meist negativ aus, weil sie im Orient denken, dass der Papst nicht die schlimme Situation, in der sich der Islam heutzutage befindet, gesehen hat. Es gibt auch Gewaltlosigkeit im Koran und in der islamischen Geschichte, darüber habe ich auch ein Büchlein geschrieben und an den Papst geschickt. Und Muslime zitieren, wenn sie mit Nichtmuslimen zusammenkommen, diese gewaltlosen Stellen. Die Radikalen dagegen zitieren die Aufrufe zur Tötung. Das ist dann doppelbödig. Ich bin von der Notwendigkeit überzeugt, dass muslimische Imame ihre heiligen Texte mit einem historischen Blick neu lesen. Das hat der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi im Dezember 2014 gefordert.

Ehemalige IS-Kämpfer werben in Deutschland erfolgreich Anhänger an, indem sie mit grausamen Taten prahlten. Wie können Sie sich diesen Zuspruch erklären?

P. Samir: Es gibt im Islam einen Begriff, „al-Jihad fi sabil Allah“, der übersetzt „Krieg im Namen Gottes“ heißt. Sie werden manchmal hören, das Dschihad „Anstrengung“ bedeute. Das stimmt, aber im Koran steht Dschihad genauso oft für Krieg, wenn „auf dem Weg zu Gott“ angefügt ist. Und dies ist die gewöhnliche Bedeutung in den Aussprüchen Mohammeds. Im Koran und in der Sunna bezeichnet dieser Begriff primär militärischen Kampf. Diese Bedeutung entspricht der Realität. Wenn der Islam irgendwo angegriffen wird, ist es für alle Männer eine Pflicht, die über sechzehn Jahre alt sind, in den Krieg zu ziehen. Tausende junge Frauen sind dem Aufruf gefolgt, um ihre Pflicht als Dschihadistinnen zu tun und sich den IS-Kämpfern als Prostituierte anzubieten. Die Idee dahinter ist, dass es erlaubt sei, wenn es für Gott ist.

Sie wurden im Jahr 2009 im Time Magazine als „der Jesuit, der die Ideen des Papstes zum Islam anregte“ bezeichnet, was sich Papst Benedikt XVI. bezog. Wie war Ihr Zugang zu ihm?

P. Samir: Ich bin dem damaligen Professor Ratzinger erstmals Anfang der siebziger Jahre begegnet, als ich in Regensburg war, um die deutsche Sprache zu lernen. In späteren Jahren ergaben sich mehrere Gelegenheiten, dass ich vor ihm über den Islam referieren konnte. Sein Sekretär Georg Gänswein sagte mir auch, dass er immer dann, wenn er Artikel von mir gefunden hatte, sie Papst Benedikt vorlegte. Ich war dann im September 2005 eingeladen, einen Vortrag vor dem Ratzinger-Schülerkreis in Castel Gandolfo zu halten, wobei sich eine schöne Diskussion und ein gemeinsames Mittagessen anschlossen. Zwei Jahre nach der Regensburger Rede, im Jahr 2008, bat er mich als Experte sowie Sekretär der Patriarchen an der Nahost-Synode mitzuwirken, sowie an zwei weiteren.

Die historische Regensburger Rede liegt nun ein Jahrzehnt zurück. Sie haben über die Kernaussagen der Ansprache über Glaube und Vernunft reichlich reflektiert. Was sagen Sie heute als Islamwissenschaftler dazu?

P. Samir: Er sprach als Professor mit den Professoren seiner damaligen Universität. Es waren Andeutungen an die frühere Zeit enthalten; die Rede war sehr persönlich und er zeigte deutlich, dass er sich die Worte des darin zitierten Kaisers nicht zu eigen machte. Das Buch mit der Debatte des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos aus dem Jahr 1391 hatte er im Sommer gelesen. Nach islamischer Lesart gilt Mohammed ja als „das Siegel der Propheten“ und darauf bezog sich der Kaiser, der sagte: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst Du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das das Schwert zu verbreiten.“ Für die arabischen Stämme war das Vorgehen nichts Überraschendes. Der Kaiser fuhr fort, das stehe im Widerspruch zum Wesen Gottes, weil Gott kein Gefallen am Blut habe. Papst

Benedikts Anliegen war es zu zeigen, dass Gewalt gegen die Vernunft gerichtet ist und davon schon im vierzehnten Jahrhundert der Kaiser überzeugt war. Tatsächlich verbreitete Mohammed den Glauben mit Gewalt. Die erste Biografie Mohammeds heißt übersetzt „Buch der Razzien“ (Kitab al-Maghazi) und beschreibt die Kämpfe gegen die Stämme, die nicht Muslime waren.

Was haben Sie von den teilweise heftigen Reaktionen miterlebt?

P. Samir: Obwohl sie die Rede selbst nicht kannten, sondern nur die Medienberichte darüber, haben viele Muslime Gewalt gegen Christen angewendet. Sie sagten, dass das nicht stimmt, was der Papst vorbrachte. Dabei haben sie es aber mit ihren Reaktionen bewiesen. Ich war unmittelbar nach der Rede zu einer Fernsehdiskussion im Libanon mit einem Imam eingeladen. Er behauptete, die

Rede auf Arabisch gelesen zu haben. Es gab aber noch keine arabische Übersetzung; ich war gerade dabei, diese anzufertigen. Er sprach also rund eine halbe Stunde darüber, ohne den Text zu kennen.

Benedikt XVI. sprach in Regensburg aber über drei Wellen der Enthellenisierung im Christentum. Es gab auch eine Zeit im Islam, in der sich die Gelehrten stark mit der griechischen Philosophie auseinandergesetzt haben und schließlich kam es in der islamischen Welt auch zu einer Enthellenisierung. Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die christliche arabische Literatur und die hellenistischen Einflüsse in der islamischen Welt, aus denen sich eine Vernunfttradition auch dort hätte weiter entfalten können…

P. Samir: Die Muslime sind nicht diejenigen gewesen, die die griechische Philosophie entdeckt haben. Das waren die syrischen Christen. Die Muslime, seien es Araber oder Perser, verstanden kein Griechisch. Die Werke der hellenistischen Wissenschaften, der Philosophie, darunter Aristoteles und Platon, der Mathematik und der Medizin, waren schon im sechsten Jahrhundert ins Syrische übersetzt worden, vor allem durch den Syrer Sergios von Ras Ayna, gestorben 536. Während der Zeit des Kalifats in Bagdad kamen christliche Gelehrte aus Persien – besonders aus Gundhishapur – und haben nun von Syrisch ins Arabische übersetzt. Der berühmteste Übersetzer hieß Hunayn Ibn Ishaq von al-Hira, der 873 starb. Die griechische Philosophie wurde in Klöstern gelehrt. Christliche Philosophen kamen nach Bagdad und lehrten dort. Der Berühmteste war Abu Bishr Matta Ibn Yunus al-Qunna?i, gestorben 940. Er war der Meister Al-Farabis, der für uns Araber der zweite Aristoteles ist. Der Christ Yahya ibn Adi, der 974 starb, war der berühmteste Philosoph seiner Zeit. So haben die Muslime ab der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts selbst angefangen, philosophische Arbeiten zu schreiben. Diese sind nicht arabisch, sondern vielmehr griechisch-arabisch. Auch Averroes, gestorben 1198, von Thomas von Aquin als „der Kommentator“ bezeichnet, hat den Kommentar von Yahya ibn Adi verwendet. Das erklärt, warum wir im Mittelalter eine weite Entwicklung bei den Muslimen hatten. Leider hat es nicht lang gedauert. Die anschließende Periode vom vierzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert nennen wir die Periode der Ignoranz. Im neunzehnten Jahrhundert setzte dann durch Christen eine Renaissance ein.

Benedikts Dialog mit dem Islam ist keine Einbahnstraße, denn er stand auch in engem Zusammenhang mit Anfragen an den Westen…

P. Samir: Mit der Rede von Regensburg zielte Benedikt XVI. meines Erachtens auf einen Dialog ab, der nichts von dem Positiven zurückweist, das es auch im Islam und in der Aufklärung gibt, jedoch das kritisiert, was extremistisch oder anti-religiös ist. Er schuf die Grundlage für einen universalen Austausch, indem er auf die zwei gegensätzlichen Tendenzen unserer Zeit mit Vorschlägen entgegentrat: Einerseits dem islamischen Fideismus, der jegliche Vernunft ausklammert, wobei wichtig ist zu betonen, dass er nicht meinte, dass alle Strömungen im Islam diese immer zurückgewiesen hätten. Andererseits nahm er zu einem laizistischen, rationalistischen Aufklärungsdenken Stellung, das die Religion als bedeutungslos betrachtet. Während Benedikt die Muslime um einen Dialog über gemeinsame Prinzipien bat, der auf den Menschenrechten und der Ablehnung von Gewalt beruht, fragte er gleichzeitig den Westen, wieder zu einer Vision der menschlichen Natur und Vernunft zurückzukehren, die die religiöse Dimension miteinbezieht.

Offenbar schließt sich nun doch der Kreis zwischen dem emeritierten Papst und Papst Franziskus. In seiner Botschaft zum kommenden Weltfriedenstag tritt Franziskus für einen umfassenden Begriff der Gewaltlosigkeit ein. Zu ihrer Durchsetzung empfiehlt er die Herrschaft des Rechts…

P. Samir: Wenn das Recht herrscht, dann sind wir uns darüber einig, was korrekt ist und was nicht. Das sollte absolut unabhängig von der Religion sein, wie die Menschenrechte. Im islamischen Recht zählt aber die Aussage einer Frau nur die Hälfte wie die Aussage eines Mannes. Auch beim Erben ist es so, dass der Sohn das Doppelte von dem bekommt, was die Tochter erhält. Das ist heute absolut unakzeptabel. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür und daher ist es Unrecht. Ich glaube, dass der Islam noch zu sehr mit seinen Ursprüngen in der beduinischen Kultur verbunden ist, und damit in einem Sinne eine beduinische Religion darstellt. Ich war vor einigen Jahren in Paris zu

Besuch bei einem muslimischen Freund aus dem Libanon, der Arzt ist. Zu dem Einfluss Saudi-Arabiens auf die libanesische Politik sagte er, er habe die Nase voll von dem beduinischen Islam. Wenn eine Religion zu sehr mit ihrem Ursprung verbunden ist, dann ist sie nicht mehr universal. Muslime und Christen müssen als Brüder zusammen eine Gesellschaft aufbauen. Dazu bedarf es einer inneren geistlichen Revolution der Muslime, um den Koran und die Scharia im Lichte der Gegenwart neu zu denken. Ich bin überzeugt, dass wir Christen ihnen dabei helfen können.

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