Leilas Welt

Ein Besuch bei Überlebenden des Genozids im Nordirak

Von Michaela Koller

DUHOK, 17. Dezember 2016 (Vaticanista/ Die Tagespost).- „Bis 1948 beteten hier die Juden, bis sie vertrieben wurden“, erklärt der chaldäisch-katholische Bischof von Alqosh, Mikha Maqdassi, gegenüber seinen Gästen, drei Vertretern der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) aus Frankfurt. Eine Frau eilt mit einem Schlüssel herbei, um die schwere Kette am grünen Eisentor zum Gelände mit den Ruinen zu öffnen. Der Tradition zufolge steht hier, verhüllt durch ein grünes Tuch, hinter schmiedeeisernen Gittern, das Grab des biblischen Propheten Nahum. Er war es, der das Gericht über Niniveh ankündigte, die Zerstörung der damaligen Hauptstadt des assyrischen Reiches, weil Gott erzürnt war über den Ungehorsam.

Einwohner Sheikhans in traditioneller Kleidung, Bischof Mikha Maqdassi, Khalil Al Rasho; Foto: M. Koller

Einwohner Sheikhans in traditioneller Kleidung, Bischof Mikha Maqdassi, Khalil Al Rasho; Foto: M. Koller

Tafeln mit hebräischer Schrift, eiserne Halterungen für Kerzen an den Wänden und Laternen in Nischen zeugen von der einstigen Verehrung des Mahners zur Umkehr und Buße in dieser inzwischen verfallenen Synagoge, deren Empore und vorderer Eingangsbereich eingestürzt sind.

Die Juden waren hier Teil einer multireligiösen Gesellschaft, bis arabische Nachbarn sie zum Zeitpunkt der Gründung des Staates Israel zur fünften Kolonne, zu Fremden erklärten. Als mit dem Ende der Diktatur Saddam Husseins die islamische Radikalisierung blutig hervortrat, zogen die letzten Juden auch aus der Hauptstadt Bagdad fort. Von der Dachterrasse des chaldäischen Pfarrhauses in Sheikhan zeigte der Bischof noch am Vortag die religiöse Stätten von Muslimen, Christen und Jesiden: Das Minarett der Moschee weiter unterhalb im Ort, neben der Terrasse die Kuppel der Sankt-Josephs-Kirche und oben auf dem Berg die typisch kegelförmige Spitze aus hellem Gestein eines jesidischen Tempels.

„Die Jesiden sind unsere Schwestern und Brüder“, betont der Bischof. Er plant gerade die Einrichtung eines Kindergartens, der dem Nachwuchs aus allen Familien im Ort offen stehen soll. Die Frage, ob damit auch die Muslime eingeladen sind, beantwortet der 67-Jährige mit einem „Ja, aber“: Er erwarte keine muslimischen Anmeldungen für die christlich geführte Einrichtung. Später erfährt die Delegation mehr, das mittelfristig eine gemeinsame Zukunft der drei Gemeinschaften unwahrscheinlich erscheinen lässt: Christen und Jesiden erkannten vielfach ihre eigenen muslimischen Nachbarn unter den IS-Tätern.

Aktuell steht die Zukunft der Jesiden in diesem Land infrage, einer Religionsgemeinschaft, deren Glaube einigen Wissenschaftlern zufolge auf iranische Mythologie zurückzuführen ist. Sie sprechen das nordkurdische Kurmandschi und heiraten nur untereinander. Ihr zentrales Heiligtum in Lalisch liegt nicht weit von Alqosh entfernt. Der jesidischen Tradition zufolge befindet sich dort das Zentrum der Schöpfung. Kenner der Werke Karl Mays ist dieser Fleck als Tal von Scheik Adi geläufig, dessen Grab sich im Zentrum des Heiligtums befindet.

Die international bekannte Rechtsanwältin Amal Clooney beklagte jetzt vor der UNO, dass die Weltgemeinschaft sich nicht ernsthaft interessiert zeige, den Völkermord an dieser Religionsgemeinschaft endlich zu beenden. Ihre Mandantin Nadia Murad sagte: „Wenn Köpfen, sexuelle Versklavung, Kindesraub und Vertreibung von Millionen Sie nicht dazu bringen zu handeln, was wird es denn dann sein? Nicht nur Sie und Ihre Familien haben ein Recht auf Leben, auch wir brauchen unser Leben und das Recht, es zu leben.“ Die neue UNO-Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel sprach diese Worte mit unterdrückten Tränen vor den versammelten Diplomaten und Politikern.

Auf der 23-Jährigen Jesidin, die 2014 drei Monate IS-Gefangenschaft erlitt, lastet die Hoffnung ihrer vom Völkermord geplagten Gemeinschaft. Das bestätigt auch das Gespräch mit dem geistlichen Oberhaupt der Jesiden, Baba Sheikh in Ain Sifni, nahe Sheikhan, der die Vertreter der IGFM empfängt. „Ich habe ihr gesagt, sie soll für uns Jesiden eintreten“, verrät er auf dem Sofa des Salons sitzend. Der Würdenträger trägt einen weißen Turban sowie einen schwarzen Stoffgürtel über einem weißen Gewand und wird von den Gläubigen mit Verbeugung und Handkuss gegrüßt. Sowohl im Wartezimmer als auch im großen Empfangszimmer des schon betagten Amtsinhabers zeigt das jeweils größte Bild die Begegnung mit dem emeritierten Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Benedikt XVI.. Offenbar beruht die Zuneigung zwischen Christen und Jesiden schon längst auf Gegenseitigkeit. Der gemeinsame Feind, die Terrororganisation „Islamischer Staat“, brachte sie noch näher zusammen.

IGFM-Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller; Baba Sheikh; Foto: M. Koller

IGFM-Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller; Baba Sheikh; Foto: M. Koller

Am 3. August 2014 drang der IS in die Stadt Shingal und in oberhalb im Gebirge gelegene Ortschaften vor, töteten und versklavten diejenigen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Die Mörder mit den langen Bärten und schwarzen Fahnen peinigten junge Frauen als Sexsklavinnen auf widerwärtige Weise, Kindern schlugen sie mit Gewehrkolben die Schädel ein, töteten Alte, Kranke und Behinderte, ja schächteten sogar viele Menschen wie Vieh. Ihre eliminatorische Entschlossenheit steht außer Zweifel, für ihr zynisch-raffiniertes Vorgehen fand das Team der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), die Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller, der Referent für humanitäre Hilfe in Nahost, Khalil Al Rasho, selbst Jeside, und die Autorin dieses Beitrags, zudem konkrete Hinweise.

In dem Ort Sharafiya in der Niniveh-Ebene treffen die deutschen Besucher auf den Bauern Gorgiss F.. Bei einer Tasse süßen Tees im Haus des Pfarrers berichtet der 53-Jährige vom Vorgehen der Terrormiliz: „Ein alter Freund, der Muslim ist, rief uns an. Er kämpfte inzwischen auf der Seite des IS. Er sagte: Wenn sie in das Dorf kommen und unsere Mädchen und Frauen Kopftuch tragen, geschehe uns nichts. Wir haben nicht darauf vertraut.“ Die Einheiten zum Schutz der Niniveh-Ebene (Nineveh Plain Protection Units, kurz NPU) verteidigten Sharafiya mit Erfolg. Der Weg zur großen, hellen und modernen Sankt-Georgs-Kirche ist sauber gepflastert. Davor steht ein Pick-up mit einer vollautomatischen Waffe, die unter Flecktarntuch hervorlugt.

Die Alte Kirche des Ostens, der die assyrischen Gesprächspartner angehören, ist eine autokephale Kirche des ostsyrischen Ritus. Ihre Vorfahren flohen bereits einmal vor einem Genozid, dem der Jungtürken, aus dem traditionellen Siedlungsgebiet des Tiyari-Stammes im äußersten Südosten der heutigen Türkei. Ein Stück weiter, näher an der Front zum Kampfgeschehen, in Telesqof, steht heute eine Geisterstadt, noch immer stark zerstört und die Gegend vermint, nachdem der Ort zwei Wochen im August 2014 von den Islamisten beherrscht und Anfang Mai dieses Jahres erneut angegriffen wurde. Der Kommandant der Sicherheitskräfte hier ist ein Jeside: Vor einem Besuch der Kirche warnt er: „Drumherum sind überall Landminen.“

Der IS-Hölle entkommen - Mutter mit einem von drei behinderten Kindern; Foto: M. Koller

Der IS-Hölle entkommen – Mutter mit einem von drei behinderten Kindern; Foto: M. Koller

In Baadr, auf dem Rückweg nahe Sheikhan, besuchen die IGFM-Vertreter die Mutter dreier schwerstbehinderter Kinder, die dringend Geld für Windeln und Medikamente benötigt. Trotz ihrer Verletzlichkeit haben sie den IS überlebt: Ihr Auto und der Wagen der Großeltern sprangen nicht an, als die Männer mit den schwarzen Fahnen immer näher kamen. Erst nach 42 Tagen – ihre Versklavung und die Ermordung ihrer Kinder waren schon längst beschlossene Sache – entkamen sie mit den Kindern auf dem Rücken und greisen Mitgefangenen während einer Wachablösung. Wieviele Jesiden und Christen werden bei solch waghalsigen Versuchen gescheitert, von IS-Wachposten entdeckt oder von Landminen zerfetzt worden sein?

Auch die inzwischen 14-jährige Samira S., die mit ihrer Familie ebenfalls in Baadr aufgenommen wurde, bestätigte mit ihrem Leidensbericht das planvolle Vorgehen der Mördertruppen des Kalifen Abu Bakr Al Baghdadi. Sie ist mit anderen jungen Frauen regelrecht den Berg im Shingal-Gebirge hinaufgejagt worden und als sie auf der anderen Seite wieder Richtung Tal liefen, holten sie die Schergen ein. Zwei Strähnen ihres dichten schwarzen Haares, das sich um ein Gesicht mit großen mokkabraunen Augen und ebenmäßigen Zügen schmiegt, hat sie hinter ihrem Kopf zusammengebunden. Den Gästen aus Deutschland berichtet sie im Wohnzimmer des Rohbaus, während die Familie draußen in der Küche zurückbleibt. Der Raum ist ganz mit Teppichen und Sitzkissen reihum auf dem Boden entlang der Wände ausgelegt. Neben der Tür sind dicke Wolldecken in vielen Farben meterhoch aufgestapelt. Hin und wieder öffnet ein jüngeres Geschwisterchen die Tür und streckt neugierig den Gästen den Kopf durch den Türspalt entgegen. Samira bringt es zur Mutter zurück.

Sie war nur zwölf Jahre alt, als sie in Gefangenschaft des IS geriet. „Sie haben alles mit uns gemacht“, deutet sie nur an. Eine 26-jährige Mitgefangene rief heimlich einen befreundeten Arzt in einem Krankenhaus an und bat ihn um die Lieferung von Medikamenten, darunter extra viel Schlafmittel. Da die Mädchen und jungen Frauen für die Kämpfer der Terrormiliz kochen mussten, nutzten sie die Gelegenheit, ihnen Schlafmittel in ein deftiges Gericht zu rühren. Ihre Peiniger langten reichlich zu und fielen bald in Tiefschlaf: „Ganz vorsichtig schlichen wir uns fort, nur hundert Meter an einem IS-Kontrollposten vorbei durch vermintes Gelände und kamen schließlich durch.“ Auf die Frage, was sie sich wünscht und ob sie vielleicht einmal nach Europa kommen möchte, antwortet sie entschlossen und frühreif: „Ich wünsche mir, dass meine Heimat befreit wird und dass wir dort wieder in Sicherheit leben können.“

Leila, eine 17-jährige Jesidin aus dem Shingal-Gebirge, die mit ihrer Familie noch rechtzeitig entkommen konnte und zur Zeit in einem der Flüchtlingslager lebt, begleitete die IGFM-Delegation. Aus der Enge der trostlosen Zeltstadt herausgeholt, sollte sie abgelenkt werden, so auf andere Gedanken kommen. Nach der Begegnung mit ihrem geistlichen Oberhaupt sagte sie, ihr Wohlbefinden sei von 50 auf 70 Prozent angestiegen. Während Samiras Bericht sinkt sie jedoch, den Kopf immer weiter nach vorn gebeugt, starr geradeaus blickend, allmählich in sich zusammen. Wohl mit letzter Kraft verlässt sie das Haus, setzt sich auf die linke Seite der Rückbank des Pick-ups, mit dem die deutschen Gäste in Kurdistan reisen. Als alle Vier wieder im Wagen sitzen, beginnt sie ganz plötzlich immer lauter zu schluchzen, kippt nach rechts, Tränen rinnen aus ihrem Auge.

Die Autorin nimmt sie in den Arm und Khalil Al Rasho fährt zügig zur Notaufnahme ihres Lagers. Dort angekommen, steht zwar sofort ein Krankenpfleger mit einer Trage bereit, aber erst fehlt das Beruhigungsmittel gegen den Nervenzusammenbruch, dann bricht auch noch die Stromversorgung zusammen. Das Schluchzen hört nicht auf. Später wird keiner aus der Delegation mehr sicher sein, wie viele Stunden das heftige Weinen andauerte, ein entkräftendes Schreien aus der Tiefe des Brustkorbs, wo irgendwo ein Schmerz sitzen muss, Schmerz über all das Verlorene, die Heimat, die Freunde, die Vergangenheit, die Sicherheit, die Unbeschwertheit, das Zusammenleben, der Friede. Langfristig gibt es nur einen Weg, Leilas Welt wieder zu errichten: Wenn die Täter endlich auf die jahrtausendealte Mahnungen hören, auf die Rede des Nahum für Umkehr und Buße. Ein internationales Tribunal wird sie hoffentlich dazu zwingen.

[Die Namen der IS-Opfer wurden geändert.

Die Autorin ist Referentin für Religionsfreiheit der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

Der Beitrag erschien erstmals am 13. Dezember 2016 in der Tagespost]

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