Entschlossenheit zum Frieden über Religionsgrenzen hinweg Lernerfahrungen einer Reise nach Kenia

Von Michaela Koller

Unmittelbar vor der Corona-Pandemie nahmen ein deutscher Bischof, ein Bundestagsabgeordneter und ein muslimischer Funktionär an eineminterreligiösen Lernprogramm in Kenia teil. Und sie kamen klüger zurück.

BERLIN, 27. September 2020 (Vaticanista/(KNA).- Religionen wirken in Kenia erfolgreich zusammen, um gesellschaftliche Spannungen aufzulösen und sogar um gewaltsame Konflikte zu verhindern. Davon sind Teilnehmer einer Reise des Vereins „Exposure- und Dialogprogramme“ überzeugt. Sie waren kurz vor dem Corona-Lockdown im Februar zu Besuch in dem ostafrikanischen Land. Eine Epilog-Gesprächsrunde kürzlich in Berlin brachte.

Drei von 19 Teilnehmern, den Bundestagsabgeordneten Ottmar von Holtz (Grüne), den Vorsitzenden der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg, und den Geschäftsführer der Hilfsorganisation Islamic Relief in Köln, Tarek Abdelalem, auf einem Podium zusammen.

Sie bestätigten, wie sich ihre Gastgeber, Muslime und Christen verschiedener Konfessionen, unermüdlich Aufgaben aus Bereichen annehmen, in denen der Staat zwar gefordert wäre, aber abwesend ist: in der Vermittlung zwischen Konfliktparteien bei politischen Spannungen, bei der Schaffung neutraler digitaler Plattformen, zum interreligiösen Austausch auf Augenhöhe oder in Selbsthilfegruppen von Frauen, deren Angehörige von militanten Islamisten angeworben wurden.

Dieser Aufgaben nehmen sich Katholiken, Muslime, Anglikaner, Evangelikale, Pfingstler und traditionelle afrikanische Religionsführer gemeinsam an, und zwar jenseits erheblicher Unterschiede in den Glaubensgrundlagen und der Ausdrucksformen ihrer Spiritualität.

Per Videobotschaft präsentierten die Veranstalter auch zwei der kenianischen Friedensakteure. Sie hatten Gäste aus der Reisegruppe für vier Nächte bei sich zu Hause aufgenommen und sie tagsüber zu ihren Friedensinitiativen mitgenommen. Sie schilderten, dass die Regierung angesichts der Pandemie nun noch hilfloser wirke, als es die deutsche Gruppe zuvor noch erlebt habe.

„Den Menschen ist nicht möglich, sich wieder zu versammeln. Wegen der Restriktionen sind viele arbeitslos“, so die Lehrerin Rose Oduor, die ehrenamtlich als Friedensaktivistin für die katholische Kommission „Gerechtigkeit und Frieden“ in Nairobi engagiert ist. Sie beobachtet weiter Hilflosigkeit, häusliche Gewalt und nicht zuletzt Menschenrechtsverletzungen wie Polizeigewalt und Behördenwillkür. Mutig hielt Oduor der Regierung entgegen: „Ihr habt keine Achtung vor der Verfassung.“ Sie klagte über allgegenwärtige Korruption als einen großen „Stolperstein“. Über ihre eigene prekäre Lage beklagte sie sich nicht. Für ihre anspruchsvolle Tätigkeit als Lehrerin in einem Kinderheim erhielt sie bislang nur eine Aufwandsentschädigung, die nun auch entfällt. Über Geldrücklagen verfügt sie nicht. Mit ihren zwei Kindern lebt sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Armenviertel.

Die willensstarke Frau in wirksamer Friedensmission stellt keine Ausnahme dar. Die Teilnehmer bescheinigten ihrem Gastland allerdings patriarchalische Strukturen. Tarek Abdelalem erlebte während mehrerer Kenia-Reisen viele Frauen mit starker Persönlichkeit. Religiöse Akteure etablieren die Anerkennung von Frauen als neuen Wert in der Gesellschaft. Abdelalem, der bei seiner Reise in Februar von einem anglikanischen Pastor aufgenommen wurde, erlebte den Umgang der religiösen Führer untereinander als entkrampft und selbst Gespräche über Religion als „entspannt“.

Erzbischof Schick verbrachte vier Nächte zu Gast bei dem Islamgelehrten und Gemeindevorsteher Scheich Abu-Hamza im Slum Kibera. Er bilanziert, interreligiöses Handeln und Zusammenarbeit funktioniere an solch einem Ort mit viel Gewalt und wenig Infrastruktur nur, wenn sich alle auf die Vorstellung einigten, an einen „Gott des Lebens“ zu glauben.

Ottmar von Holtz beeindruckte besonders der „unbedingte Willen; die Entschlossenheit, Dinge anzupacken“. Das habe ihn „in den Bann gezogen“. Gerade religiöse Führungspersönlichkeiten hätten bei gewaltsamen Konflikten großen Einfluss – „im Negativen wie im Positiven“. Er könne sich sogar vorstellen, so der Parlamentarier, kenianische Friedensaktivisten in einem deutschen Konfliktfall um Rat und Hilfe zu bitten.

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