Einsatz Roms für Religionsfreiheit noch ausbaufähig

Ein ökumenisches Gespräch mit Thomas Schirrmacher über das Engagement für Menschenrechte

ROM, 23. August 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Seit März dieses Jahres arbeitet Thomas K. Johnson, ein evangelikaler Theologe, als Botschafter für Religionsfreiheit beim Vatikan. Für diese Aufgabe hat ihn die Weltweite Evangelische Allianz entsandt, ein Zusammenschluss, in dem reformatorische Kirchen, Organisationen und Einzelpersonen über nationale und regionale Allianzen zusammengeschlossen sind. Michaela Koller befragte Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz über den gemeinsamen Einsatz evangelisch-reformierter und katholischer Christen für die Religionsfreiheit.

Foto: Osservatore Romano

Foto: Osservatore Romano

Die Weltweite Evangelische Allianz hat einen Botschafter eigens für den gemeinsamen Einsatz für die Religionsfreiheit nach Rom entsandt? Wie ist diese starke Investition aus der Geschichte dieses Zusammenschlusses zu erklären?

Thomas Schirrmacher: Das Netzwerk der aus dem Kampf gegen die Sklaverei heraus entstandenen Bewegung der Weltweiten Evangelischen Allianz, das heute 600 Millionen Christen repräsentiert, wurde 1846 als älteste ökumenische Bewegung in London gegründet. Eine der Säulen war die Religionsfreiheit für alle Kirchen und Religionen, damals ein politisch höchst umstrittener Gedanke. Deswegen gehört der Einsatz für Religionsfreiheit bis heute zur DNA der WEA.

Was bedeutet der Einsatz in der Praxis?

Thomas Schirrmacher: An erster Stelle steht das Gebet, wie es vor allem im Weltweiten Gebetstag für verfolgte Christen jeweils im November zum Ausdruck kommt, an dem über 100.000 Kirchengemeinden weltweit teilnehmen und in dem auch das Schicksal anderer religiöser Minderheiten thematisiert wird.

An zweiter Stelle steht die konkrete Solidarität mit Betroffenen durch Hilfsleistungen und Schulungen.

An dritter Stelle steht die umfangreiche Medienarbeit mit Nachrichtenagenturen und Onlineangeboten bis hin zu Jahrbüchern und Fachzeitschriften.

An vierterStelle steht die rechtliche Verteidigung der Betroffenen vor Gericht, etwa vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, wo wir mehrfach orthodoxe Kirchen aus Osteuropa erfolgreich verteidigt haben. Hier greift die WEA vor allem auf ein eigenes Netzwerk von Tausenden von Rechtsanwälten, Advocacy International, zurück.

Dazu kommt fünftens der Einsatz in der Politik. Da Christen gegen eine gewaltsame Selbstverteidigung der Kirchen oder anderer Religionsgemeinschaften sind und für die Trennung von Kirche und Staat in Bezug auf das Gewaltmonopol des Staates eintreten, müssen wir die Staaten auffordern, ihre Menschenrechte zu verteidigen. Wo der eigene Staat nicht eingreift, wenden wir uns an andere Staaten mit der Bitte, Druck auf die menschenrechtsverletzenden Staaten auszuüben.

All das ist aber nur mit gediegenen Informationen möglich, weswegen die WEA sechstens intensiv in weltweite Forschung investiert, vor allem durch das akademisch unabhängige Internationale Institut für Religionsfreiheit.

Und schließlich hat die WEA siebtens einen „Peace Building Track“, um im politischen, lokalen Raum Frieden zwischen Anhängern verschiedener Religionen zu erwirken.

Wie bahnte sich nun die Zusammenarbeit mit dem Vatikan an?

Thomas Schirrmacher: Offizielle Dialoge zwischen dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen und der Theologischen Kommission der WEA gibt es seit 1977, derzeit ging gerade die dritte Runde erfolgreich zu Ende. Papst Franziskus dankte dem Rat und der Theologischen Kommission Ende 2014 ausdrücklich für die enormen Früchte, die das getragen hat.

Ich bin für die zwischenkirchlichen Beziehungen der WEA verantwortlich. Anfang 2015 entschied der neue Generalsekretär Bischof Efraim Tendero aus den Philippinen, dass ich mein Team stark ausweiten müsse und konkrete Beauftragte für konkrete Kirchen und Konfessionen brauchte. Da Thomas K. Johnson bereits das Internationale Institut für Religionsfreiheit in Rom repräsentierte und ein kleines Büro bei unserem katholischen Partner „Dignitatis Humanae Institute“ (DHI) 500 Meter entfernt vom Petersdom hat, war er die natürliche Wahl.

Wie sieht die Zusammenarbeit genau aus?

Thomas Schirrmacher: Oh, da gibt es viele Aktivitäten. Gerade haben wir ein Buch von Thomas K. Johnson über Menschenrechte zusammen mit dem DHI veröffentlicht, das weltweit als Textbuch in der theologischen Ausbildung verwendet wird. Vor einem Monat haben wir uns in Rom zusammen mit dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog mit führenden Vertretern von sieben Religionen getroffen. In Tirana veranstaltete die WEA zusammen mit dem Vatikan und dem Weltkirchenrat die erste ökumenische globale Konferenz zum Thema Christenverfolgung. Und last but not least treffe ich mich häufiger mit Papst Franziskus, um schwerwiegende Fälle zu besprechen.

Was ist Ihrer Meinung nach der spezifische Beitrag Papst Franziskus’ zur Förderung der weltweiten Religionsfreiheit?

Thomas Schirrmacher: Zum einen spricht er das Thema viel häufiger an und im Gegensatz zu seinen Vorgängern viel emotionaler, öffentlichkeitswirksamer und viel weniger konfessionell.

Zum zweiten wendet er sich konkret dagegen, wenn hohe katholische Würdenträger in bestimmten Ländern öffentlich gegen die Rechte andere Kirchen oder Religionen sprechen. So habe ich ihm kürzlich einen Fall vorgetragen, wo ein Erzbischof in einem buddhistischen Land den Staat aufgefordert hat, das Wirken der Evangelischen zu beschränken, und das, obwohl unserer Anwälte gerade ein Dutzend Nonnen aus dem Gefängnis freibekommen hatten. Der Papst rief sofort dort an und seitdem hat sich das nicht wiederholt. Das gibt dem katholischen Einsatz viel größere Glaubwürdigkeit.

Was empfehlen Sie den katholischen Partnern in der Zusammenarbeit?

Thomas Schirrmacher: Die katholische Kirche hat bisher politisch und diplomatisch das Recht der Religionsfreiheit sehr hoch gehalten, besonders über die enorm starken diplomatischen Vertretungen und über den Status als Permanente Beobachter bei der UN, der OSZE und anderen supranationalen Institutionen. Dagegen war man immer sehr zurückhaltend, was das Einschalten der Öffentlichkeit durch Medien, Unterschriftenaktionen und dergleichen anging.

Zudem hat man dann fast nur Beispiele von Katholiken angeführt. Ich empfehle der katholischen Kirche, das Thema mehr zu erforschen und in die katholischen Universitäten und Institute einzuführen, so dass mehr faktenbasierte Informationen zur Verfügung stehen.

Ich empfehle der katholischen Kirche außerdem, über einzelne konkrete Organisationen hinaus das Thema in irgendeiner Form zu institutionalisieren, sowohl im Vatikan als auch bei den Bischofskonferenzen, denn derzeit fühlt sich zumeist über öffentliche Appelle hinaus meist niemand zuständig.

Veröffentlicht unter Nachrichten, Vatikan, Weltkirche - Ökumene | Kommentare deaktiviert für Einsatz Roms für Religionsfreiheit noch ausbaufähig

Mariä Himmelfahrt im Pilgerpark völkerverbindender Volksfrömmigkeit

Ein Feiertag in Maria Vesperbild

Von Michaela Koller

ZIEMETSHAUSEN, 17. August 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- „Das Fest Mariä Himmelfahrt wurde zuerst in Syrien gefeiert“, hat Wallfahrtsdirektor Wilhelm Imkamp am Montag in seiner Predigt im bayerischen Maria Vesperbild betont. Nicht bloß aus Höflichkeit begrüße er zu Beginn des Pilgeramts eine syrisch-orthodoxe Gruppe aus Heilbronn. Dunkelhaarige Frauen mit braunem Teint, von denen viele ihr Haar einer Mantilla aus schwarzer Spitze bedeckten, fallen unter den Gläubigen in der sonnendurchfluteten Kirche auf. Viele Gläubige halten kleine Sträuße von Kräutern und Feldblumen zur traditionellen Kräuterweihe bereit. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Nachrichten, Vatikan, Weltkirche - Ökumene | Kommentare deaktiviert für Mariä Himmelfahrt im Pilgerpark völkerverbindender Volksfrömmigkeit

Das Schweigen in Auschwitz

Ein kalter, verwalteter Genozid, wie es keinen Zweiten gegeben hat

Von Michaela Koller

OSWIECIM, 30. Juli 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Papst Franziskus selbst hat darauf bestanden, das Konzentrationslager Auschwitz I und das Vernichtungslager  Auschwitz II Birkenau zu besuchen. Über sein Auftreten dort sprach er vorab am 5. Juli mit seinem Freund, Rabbiner Abraham Skorka, als er diesen anlässlich dessen Geburtstag in Buenos Aires anrief. „Er sagte, er werde sich wie in Armenien und einem weiteren Ort verhalten, wo er in Schweigen verharrte“, verriet Skorka in Krakau am Vortag. Er habe in einem Aufsatz für den Osservatore Romano dem Papst in dem Punkt zugestimmt, dass alles, was es zum millionenfachen Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten zu sagen gebe, bereits in der Jerusalemer zentralen Holocaustgedenkstätte in Yad Vashem gesagt worden sei. Auschwitz sei nun fast ein Synonym für die Shoa. Franziskus habe im Dialog diese einmal so beschrieben: „Der Mord an jedem einzelnen Juden war ein Schlag ins Gesicht Gottes.“ Weiterlesen

Veröffentlicht unter Empfehlung der Redaktion, Nachrichten, Vatikan | Kommentare deaktiviert für Das Schweigen in Auschwitz

„Zeigen wir doch, selbstbewusster vielleicht als bisher, auch unseren christlichen Glauben“

Copyright: Kathrin Erbe

Copyright: Kathrin Erbe

Nach seiner Libanonreise – der Hamburger Erzbischof Stefan Heße im Interview

Von Stefan Rochow

HAMBURG, 26. Juli 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat als Flüchtlingsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) vorige Woche den Libanon besucht. Der Erzbischof informierte sich vor Ort, wie die Aufnahme der Flüchtlinge organisiert ist und welche Herausforderungen und Schwierigkeiten es gibt. In einem Interview mit Stefan Rochow spricht er über seine Reiseeindrücke, Erlebnisse vor Ort und über die Herausforderungen für Christen in Deutschland im Zusammenhang mit der Aufnahme vieler Flüchtlinge. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Empfehlung der Redaktion, Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde | Kommentare deaktiviert für „Zeigen wir doch, selbstbewusster vielleicht als bisher, auch unseren christlichen Glauben“

„Steht endlich gemeinsam auf gegen den Wahnsinn!“

Bischof Stefan Oster ruft alle friedliebenden Muslime zu Bekenntnis gegen Gewalt auf

Von Michaela Koller

PASSAU, 24. Juli 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Die Aufforderung zu einem eindeutigen Bekenntnis gegen Gewalt hat am vergangenen Wochenende Bischof Stefan Oster von Passau an „alle friedliebenden Muslime“ gerichtet. Auf seinem Webblog www.stefan-oster.de appelliert er an sie: „Steht endlich gemeinsam auf gegen den Wahnsinn!“ Unter dem Eindruck der Anschläge von Nizza, Brüssel, Paris und weiterer Tatorte, wo Gewalttäter der Kriegseinladung von Terrorgruppen wie dem Islamischen Staat gefolgt sind, schreibt der 51-jährige Oberhirte: Weiterlesen

Veröffentlicht unter Interreligiöser Dialog, Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde | Kommentare deaktiviert für „Steht endlich gemeinsam auf gegen den Wahnsinn!“