„Respekt vor anderen Kulturen mit der Muttermilch aufgesogen“

BONN, 2. April 2021 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Der neue Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, Bischof Thomas Schirrmacher, spricht im Interview mit Michaela Koller über seine ökumenische Beziehung zu Papst Franziskus, über christliche Mission sowie Dialog mit den anderen Religionen und wie er schon als Kind verfolgten Christen begegnete.

Sie haben im Jahr 2017 das Buch „Kaffeepausen mit dem Papst“ veröffentlicht. Wie bevorzugt Papst Franziskus denn seinen Kaffee?

Im Frühstücksraum und auch in den Pausen habe ich beobachtet, dass er Kaffee, ein wenig verlängert, schwarz trinkt.

Und Sie selbst?

Ich trinke ihn mit Milch und Süßstoff.

Jenseits der Kaffeegewohnheiten und der Konfession gibt es dennoch Verbindendes. Sie freuten sich 2013 über die Wahl Kardinal Jorge Mario Bergoglios zum Oberhaupt der katholischen Kirche. Was war damals über seine Ökumene-Fähigkeit bekannt?

Im Gegensatz zu Brasilien, wo man nicht gerade von einem guten Verhältnis der Konfessionen untereinander sprechen kann, war über Argentinien bekannt, dass dort die gesamte Atmosphäre zwischen unseren Freunden und der katholischen Kirche, die er wesentlich mitgeprägt hat, positiv ist. Das fing damit an, dass man sich das Gegenüber im Original anhörte und prinzipiell schätzte. Es gab die Geschichte von seiner Mutter, die ihm Anstand gegenüber einer Offizierin der Heilsarmee beibrachte und ihm erklärte, was sie dort alles Gutes zu tun. Wenn große Evangelisationsveranstaltungen stattfanden, ist er auch ohne Einladung dort aufgetaucht, um zur Eröffnung zu beten.

Von Anfang an war klar, dass er ein Beziehungsmensch ist. Die Erfahrung zeigt: Wenn auf der obersten Ebene persönliche Beziehungen vorhanden sind, kann man auch über theologisch strittige Fragen sprechen. Papst Franziskus hat früh gesagt, dass das Wort ‚Sekte‘ für Mitchristen gestrichen wird. So konnten wir aussortieren, was wirklich strittige Themen und was einfach nur dumme Gerüchte übereinander sind.

Wie lebendig ist die Ökumene nun auf dieser obersten Ebene? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Es ist eigentlich wie erwartet positiv weitergegangen. Den Unterschied stellen wir am meisten in der Gruppe „Secretaries for Christian World Communions“ fest. Dort gab es lange schon ein vertrauliches Miteinander, weil die Gespräche unter Ausschluss der Öffentlichkeit verlaufen. In Anwesenheit hochrangiger katholischer Vertreter wurde es dort sehr förmlich. Seit Franziskus Papst ist, ist es nicht mehr entscheidend, mit welcher Hierarchie-Ebene man spricht. Ich halte zwar große Stücke auch auf Papst Benedikt XVI., aber es war damals noch eine förmlichere Vorgehensweise. Das bedeutete, dass man im Vatikan nur mit jemanden sprechen konnte, dessen Rang auf derselben Höhe war. Das hat Franziskus ja auch im Vatikan geändert. Wenn er eine Expertise von uns benötigt, dann können wir den betreffenden Experten selbst entsenden. Aber es gibt auch Themen, bei denen wir uns gewünscht hätten, dass sie intensiver bearbeitet werden. Das ist bei dem Thema Christenverfolgung der Fall.

Bereits als Stellvertreter des Generalsekretärs, als Mitglied der Kommission Religionsfreiheit sowie als Leiter der Theologischen Kommission haben Sie Spuren hinterlassen. So stützt sich die fruchtbare Zusammenarbeit auch auf das Dokument „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“, das die großen christlichen Kirchen im Sommer 2011 verabschiedeten. Wie ist das zustande gekommen?

Der Prozess begann im Jahr 2006, als der Vatikan, zusammen mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen, ein Statement mit Vertretern anderer Religionen über friedliche Mission verfassen wollte. Die Zunahme an Anti-Bekehrungsgesetzen in vielen Ländern gab dazu einen Anlass. Ich bin vom Weltkirchenrat als Experte hinzugezogen worden, sah aber sehr schnell, dass dabei diejenigen, die nicht missionieren, eine Stellungnahme darüber abgeben, was diejenigen, die Mission betreiben, tun sollten und diese das als Angriff sehen würden. Ich habe damals vorgeschlagen, dass wir diejenigen, die tatsächlich für Mission verantwortlich sind, mit ins Boot holen, auch von der Weltweiten Evangelischen Allianz, und diese erklären sollten, was sie unter Dialog und friedlicher Zusammenarbeit verstehen.

Ich vertrat die Meinung, dass wir Christen das erst einmal untereinander ausmachen sollten. So konnten wir beweisen, dass wir zu einer Erklärung dazu mit Substanz in der Lage sind. Zu Beginn dachten wir, dass es nie umgesetzt wird. Mit der Zeit wurde mir aber klar, dass Papst Benedikt auch auf der Seite der WEA ist. Der Weltkirchenrat in Genf hat erst ganz kurz vor der Veröffentlichung zugestimmt. Die Grundlagen, auf die wir uns geeinigt haben, waren immer biblisch. Die Grundargumentation am Anfang ist: Mission gehört zum Wesen der Kirche. Das hat Jesus uns mitgegeben. Aber Mission muss im Geist und nach dem Gebot Jesu geschehen, wie dem der Nächstenliebe. Papst Benedikt hat dann am Ende in unserem Entwurf nur ein Wort abzuändern gewünscht und drei Druckfehler mit seiner kleinen Handschrift angestrichen. Das war alles. (Er lacht).

Oftmals schon in der Vergangenheit wurden Teile des Netzwerks der Weltweiten Evangelischen Allianz als ein Störfaktor im interreligiösen Dialog dargestellt. Woher kommt dieses Vorurteil wohl?

Bis zu dem Dokument über „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ hat es zwischen dem Weltkirchenrat und der Weltweiten Evangelischen Allianz schwere Auseinandersetzungen über das Verhältnis von Dialog und Mission gegeben. Die WEA hat nie unter Dialog verstanden, dass man die Mission zurückfährt. Daher haben sie manche Dialogappelle so aufgefasst, als wenn sie auf Mission verzichten. Die Haltung, jede Art von Dialog suspekt zu finden, dominierte.

Biographisches

Ich kenne Sie als Präsident des Internationalen Rates der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Wie kommt ein reformierter Theologe und Religionswissenschaftler auf die Themen Religionsfreiheit, Menschenhandel und Sklaverei, für die Sie international als Experte gefragt sind?

Meine Eltern sind ihr Leben lang im Vorstand eines internationalen Missionswerks gewesen. Wenn neue Missionare kamen, gehörte ein Anstandsbesuch bei uns immer dazu. Jüngere Ehepaare waren das meistens, aber auch Ältere, Erfahrene wie der Prediger Billy Graham. Als Kind bin ich auch erstmals bewusst mit dem Thema Christenverfolgung in Berührung gekommen, als wir Festo Kivengere, den anglikanischen Erzbischof aus Uganda, zu Gast hatten. Er wurde von Idi Amin verfolgt, verfasste dann das Buch „Ich liebe Idi Amin“. Das hat mich zudem früh gegen Rassismus geimpft, denn solche Gäste haben meine Eltern in hohen Ehren gehalten. Den Respekt vor anderen Kulturen habe ich wirklich mit der Muttermilch aufgesogen.

Ich habe später lange in zwei Welten gelebt: Eine Karriere als Theologieprofessor und gleichzeitig eine säkulare Laufbahn in der Soziologie und vergleichenden Religionswissenschaft, über die ich durch das Fachgebiet ‚ethnische Minderheiten‘ auf den Bereich Menschenrechte gekommen bin. Zusammengeführt wurde das, seit ich begann, mich während des Studiums mit verfolgten Christen zu beschäftigen. Das hat eigentlich all mein ökumenisches Wirken hervorgebracht.

Dialog mit dem Islam

Sie haben Christenverfolgung im Jahr 2017 unbeirrt beim Großimam der Badshahi Moschee in der pakistanischen Stadt Lahore, Maulana Abdul Khabir Azad, angesprochen. Sie waren mit der Menschenrechtsanwältin Aneeqa Anthony bei ihm. Fühlten Sie sich verstanden?

Ich glaube, dass der Dank dafür, dass er Christen in Lahore beschützt hat, voll und ganz angekommen ist. Ich bekam später mit, dass diese Geschichte unter Muslimen weitererzählt wurde und dass er dazu stand, wenn das Thema nur unter Muslimen aufkam. Schließlich galt er dadurch unter ihnen als mutiger Mann. Ich glaube, dass sich das Verhältnis verändert, wenn wir uns bei Muslimen für Hilfe bedanken. Allerdings betrifft dies nur die Großwetterlage, nicht das Schicksal einzelner von Verletzungen der Religionsfreiheit Betroffener.

Wir haben im März eine besondere islamisch-christliche Begegnung im Irak verfolgen können. Premierminister Al-Kasimi erklärte in Bagdad, künftig sei der 6. März als Nationaler Tag der Toleranz und Koexistenz ein Feiertag. Welche Hoffnungen weckt dies auf christlicher Seite?

Das betrifft auch wieder nur die Großwetterlage. Er erinnert die Mehrheit daran, dass Christen auch Menschen sind. Man kann sie nun nicht mehr ganz so leicht verurteilen, weil man nett miteinander redet. Wenn man die Christen dort fragen würde, hätten sie sich sicher etwas gewünscht, das unmittelbar in ihre Lage eingreift. Sie können sich dadurch wohl kaum auf etwas berufen.

Im neuen Amt

Werden Sie als Generalsekretär etwas anders machen als in der Position zuvor?

Ich bin jetzt für das Budget und die Einsetzung von Personal in mehreren Hundert Ämtern zuständig. Dank der Unterstützung durch Stellvertreter habe ich die Möglichkeit, mich auf Außenbeziehungen und besondere Probleme zu konzentrieren. Das sind Aufgaben, die nicht viel anders sind als zuvor.

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Reisender Netzwerker für Menschenrechte: Der neue WEA-Generalsekretär Schirrmacher

Von Michaela Koller

BONN, 2. April 2021 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Neuer Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) ist seit einer Einführung am 27. Februar 2021 in Köln der Bonner Theologe und Religionswissenschaftler Bischof Thomas Schirrmacher. Er vertritt damit 600 Millionen Protestanten. Auch wenn diese Nachrichten nicht auf den Titelseiten der Gazetten zu finden ist: Die WEA ist immerhin nach der katholischen Kirche die zweitgrößte religiöse Organisation der Welt. Seit 2016 ist Schirrmacher Sonderbischof für die „Communio messianica“, einer Gemeinschaft besonders für Konvertiten.

Bei ökumenischen Treffen darf Thomas Schirrmacher, Papst Franziskus künftig auf Augenhöhe begegnen, obschon dies an ihrem Umgang miteinander wohl nichts ändern wird: Die beiden Oberhäupter trafen bereits dutzendfach zusammen und telefonieren auch miteinander. Die Evangelische Allianz ist flach-hierarchisch aufgebaut und Teilgemeinschaften genießen größtmögliche Unabhängigkeit. Die überwiegende Mehrheit der Christen unter diesem Dach lebt in der südlichen Hemisphäre.

Schirrmacher entstammt einer Gelehrtendynastie. Der Historiker Friedrich Wilhelm Schirrmacher war sein Urgroßvater, sein Vater Bernd Schirrmacher, Nachrichtentechnik-Professor war im Vorstand einer Missionsgesellschaft und Pionier der evangelikalen Schulbewegung. Thomas Schirrmacher studierte in der Schweiz und in den Niederlanden, wo er erstmals 1985 promovierte. Nach einer Doktorarbeit in den USA und ersten Ehrendoktorwürden, erfolgte noch 2007 im Fachgebiet der Religionswissenschaft eine Dissertation über „Hitlers Kriegsreligion“ in Bonn. Seine Lehrtätigkeit begann Schirrmacher bereits 1983, die er an Akademien und Universitäten in Deutschland, den USA, Brasilien und Rumänien ausübte.

Rund 100 Bücher tragen seinen Namen auf der Titelseite, als Autor oder Herausgeber. Unter seinen Werken sind zahlreiche Fachbücher zu spezifischen Menschenrechtsthemen wie Religionsfreiheit, Christenverfolgung und Menschenhandel, Anliegen, für die er bereits als langjähriger WEA-Vize-Generalsekretär Bündnisse mit hohen Repräsentanten von Religionsgemeinschaften und Regierungsvertretern knüpfen konnte. Als reisender Netzwerker für Menschenrechte wurde der erste Deutsche in diesem Amt international bekannt und seine Wahl im vergangenen Herbst erfolgte für Beobachter nicht überraschend.

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Entschlossenheit zum Frieden über Religionsgrenzen hinweg Lernerfahrungen einer Reise nach Kenia

Von Michaela Koller

Unmittelbar vor der Corona-Pandemie nahmen ein deutscher Bischof, ein Bundestagsabgeordneter und ein muslimischer Funktionär an eineminterreligiösen Lernprogramm in Kenia teil. Und sie kamen klüger zurück.

BERLIN, 27. September 2020 (Vaticanista/(KNA).- Religionen wirken in Kenia erfolgreich zusammen, um gesellschaftliche Spannungen aufzulösen und sogar um gewaltsame Konflikte zu verhindern. Davon sind Teilnehmer einer Reise des Vereins „Exposure- und Dialogprogramme“ überzeugt. Sie waren kurz vor dem Corona-Lockdown im Februar zu Besuch in dem ostafrikanischen Land. Eine Epilog-Gesprächsrunde kürzlich in Berlin brachte.

Drei von 19 Teilnehmern, den Bundestagsabgeordneten Ottmar von Holtz (Grüne), den Vorsitzenden der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg, und den Geschäftsführer der Hilfsorganisation Islamic Relief in Köln, Tarek Abdelalem, auf einem Podium zusammen.

Sie bestätigten, wie sich ihre Gastgeber, Muslime und Christen verschiedener Konfessionen, unermüdlich Aufgaben aus Bereichen annehmen, in denen der Staat zwar gefordert wäre, aber abwesend ist: in der Vermittlung zwischen Konfliktparteien bei politischen Spannungen, bei der Schaffung neutraler digitaler Plattformen, zum interreligiösen Austausch auf Augenhöhe oder in Selbsthilfegruppen von Frauen, deren Angehörige von militanten Islamisten angeworben wurden.

Dieser Aufgaben nehmen sich Katholiken, Muslime, Anglikaner, Evangelikale, Pfingstler und traditionelle afrikanische Religionsführer gemeinsam an, und zwar jenseits erheblicher Unterschiede in den Glaubensgrundlagen und der Ausdrucksformen ihrer Spiritualität.

Per Videobotschaft präsentierten die Veranstalter auch zwei der kenianischen Friedensakteure. Sie hatten Gäste aus der Reisegruppe für vier Nächte bei sich zu Hause aufgenommen und sie tagsüber zu ihren Friedensinitiativen mitgenommen. Sie schilderten, dass die Regierung angesichts der Pandemie nun noch hilfloser wirke, als es die deutsche Gruppe zuvor noch erlebt habe.

„Den Menschen ist nicht möglich, sich wieder zu versammeln. Wegen der Restriktionen sind viele arbeitslos“, so die Lehrerin Rose Oduor, die ehrenamtlich als Friedensaktivistin für die katholische Kommission „Gerechtigkeit und Frieden“ in Nairobi engagiert ist. Sie beobachtet weiter Hilflosigkeit, häusliche Gewalt und nicht zuletzt Menschenrechtsverletzungen wie Polizeigewalt und Behördenwillkür. Mutig hielt Oduor der Regierung entgegen: „Ihr habt keine Achtung vor der Verfassung.“ Sie klagte über allgegenwärtige Korruption als einen großen „Stolperstein“. Über ihre eigene prekäre Lage beklagte sie sich nicht. Für ihre anspruchsvolle Tätigkeit als Lehrerin in einem Kinderheim erhielt sie bislang nur eine Aufwandsentschädigung, die nun auch entfällt. Über Geldrücklagen verfügt sie nicht. Mit ihren zwei Kindern lebt sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Armenviertel.

Die willensstarke Frau in wirksamer Friedensmission stellt keine Ausnahme dar. Die Teilnehmer bescheinigten ihrem Gastland allerdings patriarchalische Strukturen. Tarek Abdelalem erlebte während mehrerer Kenia-Reisen viele Frauen mit starker Persönlichkeit. Religiöse Akteure etablieren die Anerkennung von Frauen als neuen Wert in der Gesellschaft. Abdelalem, der bei seiner Reise in Februar von einem anglikanischen Pastor aufgenommen wurde, erlebte den Umgang der religiösen Führer untereinander als entkrampft und selbst Gespräche über Religion als „entspannt“.

Erzbischof Schick verbrachte vier Nächte zu Gast bei dem Islamgelehrten und Gemeindevorsteher Scheich Abu-Hamza im Slum Kibera. Er bilanziert, interreligiöses Handeln und Zusammenarbeit funktioniere an solch einem Ort mit viel Gewalt und wenig Infrastruktur nur, wenn sich alle auf die Vorstellung einigten, an einen „Gott des Lebens“ zu glauben.

Ottmar von Holtz beeindruckte besonders der „unbedingte Willen; die Entschlossenheit, Dinge anzupacken“. Das habe ihn „in den Bann gezogen“. Gerade religiöse Führungspersönlichkeiten hätten bei gewaltsamen Konflikten großen Einfluss – „im Negativen wie im Positiven“. Er könne sich sogar vorstellen, so der Parlamentarier, kenianische Friedensaktivisten in einem deutschen Konfliktfall um Rat und Hilfe zu bitten.

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„Furcht ist kein guter Ratgeber“ – Interview mit Kardinal Zen von Hongkong

In der zurückliegenden Woche ist das Abkommen des Vatikans mit der Volksrepublik China auf unbestimmte Zeit verlängert worden. Davor haben Menschenrechtler gewarnt und – mit dem Verweis auf die häufige Vertragsuntreue des kommunistischen Regimes in Peking – die Veröffentlichung des Vertragstextes gefordert. Details werden bislang geheim gehalten. Es ist nur so viel bekannt: Der Vertrag bildet die Grundlage für die Ernennung von Bischöfen und die Regelung von Bistumsgrenzen.

ROM, 27. September 2020 (Vaticanista).- Kritiker der Vereinbarung zwischen dem Apostolischen Stuhl und der kommunistischen Führung in Peking wie der frühere Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, beklagen, dass mit der Unterzeichnung Druck auf die Gläubigen der chinesischen Untergrundkirche ausgeübt werde, sich der staatlich kontrollierten Chinesisch Katholisch-Patriotischen Vereinigung anzuschließen. Ihm zufolge genoss die Untergrundkirche vor dem Abkommen mehr interne religiöse Freiheit als jetzt, weil sie etwa Predigten nicht von den Behörden genehmigen lässt. Sie geht somit aber ein höheres Risiko ein.

„Furcht ist kein guter Ratgeber“

Das neue Nationale Sicherheitsgesetz höhlt Grundfreiheiten wie Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit aus. Auf dieser Grundlage erfolgten schon am 1. Juli, am Tag, an dem es in Kraft trat, mehr als 30 Festnahmen von Demonstranten. Am 10. August kam, unter anderen Demokratieverfechtern, der Medienunternehmer Jimmy Lai in Haft und erst gegen Hinterlegung einer Kaution frei. Er hatte zuvor mit seinem Vermögen unter anderem die Untergrundkirche in Festlandchina unterstützt. „Subversion“, „Sezession“ und „Kollaboration mit ausländischen politischen Kräften“, so lauten Tatbestände in dem Gesetz, was auch zur Kriminalisierung religiöser Aktivitäten, etwa die Pflege der Beziehungen zum Heiligen Stuhl und zur Weltkirche, führen kann. Das befürchten auch katholische Gläubige aus Hongkong laut einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme.

Michaela Koller befragte den ehemaligen Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, zu seiner Sicht auf die Auswirkungen neuen Rechtslage.

Die chinesische Regierung hat der Sonderverwaltungszone Hongkong ein neues nationales Sicherheitsgesetz aufgezwungen. Gibt es noch Hoffnung auf Freiheit?

Kardinal Zen: Ich habe mich durch den gesamten Text des Gesetzes durchgearbeitet. Ich denke, dass es ausreicht, Ihnen zu sagen, dass sie auf dieser Grundlage alles mit Ihnen machen können. Sie können Ihre Kommunikation kontrollieren, Ihr Haus ohne richterlichen Beschluss durchsuchen, Sie ohne den Beistand eines Rechtsanwaltes verhaften, Sie in ein Gefängnis nach China bringen und dort vor Gericht stellen. Nicht einmal nächste Familienangehörige können Sie dort besuchen.

Fürchten Sie nicht die Konsequenzen, wenn Sie so stark für die Achtung der Menschenrechte in Hongkong und China eintreten?

Kardinal Zen: Jeder muss Angst haben, denn sie sind verrückt. Furcht ist jedoch kein guter Ratgeber. Wir müssen nach unserem Gewissen reden und handeln. Ich rate den Menschen aber auch, unsere Feinde nicht zu provozieren, denn sie sind verrückt.

Wie sollte Ihrem Vorschlag zufolge die internationale Gemeinschaft auf die Lage reagieren?

Kardinal Zen: Ich stelle fest, dass die ganze Welt allmählich aufwacht und schon erkannt hat, wie bösartig die Kommunistische Partei Chinas ist.

Inzwischen sind beinah zwei Jahre vergangen, seit der Vatikan mit Peking erstmals ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet hat. Dieses betrifft den Entscheidungsprozess für die Bischofsernennungen. Wie berurteilen Sie die Verlängerung des Übereinkommens?

Kardinal Zen: Dieses geheime Abkommen sollte zuallererst einmal veröffentlicht werden. Die pastoralen Leitlinien des Heiligen Stuhls für die staatliche Registrierung des Klerus in China vom 28. Juni vorigen Jahres sind noch viel schlimmer. Sie fordern die Untergrundkirche dazu auf, der Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung [die offiziell von der kommunistischen Regierung anerkannte katholische Gemeinschaft; Anm. d. Red.] beizutreten. Das ist eine schismatische Kirche! Es ist einfach unglaublich!

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Deutschlandpremiere einer Märtyrergeschichte in Passau: „Otto Neururer – Hoffnungsvolle Finsternis“

Von Michaela Koller

Der Film über den 1940 von den Nazis ermordeten Priester wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als „Bester Film“ auf dem Mirabile Dictu – International Catholic Film Festival 2019 prämiert. Der Kabarettist und Schauspieler Ottfried Fischer spielt darin eine Hauptrolle – einen an Parkinson erkrankten Pfarrer.

PASSAU, 27. Januar 2020 (Vaticanista).- 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hat der österreichische Schauspieler Karl Merkatz anlässlich der Deutschlandpremiere von „Otto Neururer – Hoffnungsvolle Finsternis“ beim Podiumsgespräch in Passau als Zeitzeuge über Verfolgung der Juden durch die Nazis gesprochen. Er erinnerte sich, wie seine Mitschüler jüdischen Glaubens verschwanden: „Wir haben uns gut verstanden, aber eines Tages waren sie weg.“ Ebenso sprach er über Details der Pogromnacht von 1938, kurz vor seinem achten Geburtstag. Seine Familie wohnte gegenüber der Synagoge. „Ich sah wie Autos herankamen mit Menschen darauf, die herunterstiegen und hineingetrieben wurden. Sie hielten Koffer, die ihnen dann aus der Hand geschlagen wurden.“ Im Film spielt er in einer Nebenrolle den Bischof von Brixen. Der Film erzählt die Geschichte eines von den Nationalsozialisten ermordeten Priesters aus Tirol, der seine Stimme gegen die Tyrannei erhob: „Man muss alle Menschen lieben und dazu zählen auch die Juden“, predigt Otto Neururer im Film von der Kanzel.

Der knapp 90-minutige Film berichtet aber zugleich von Tätern, die ihre dunkelste Seite an all den Tatorten, nach außen kehren konnten, wie der SS-Scherge im Bunker des KZ Buchenwald, der auf der Leinwand seinen Schlagstock küsst und das Töten verherrlicht. Und er erzählt zudem von einem aus der Masse der Verführten, Heinz Fitz, der aus Gehorsam den Führer zu seinem Gott erwählte. Unter der Last, als Lebensbornkind geboren zu sein, läuft er nach Jahrzehnten – zumindest im Film – noch Gefahr zu erstarren. Krampfhaft versucht er, wieder beten zu lernen.

„Otto Neururer – Hoffnungsvolle Finsternis“ rückt aber auch die junge Generation in den Fokus, repräsentiert durch die wegen Körperverletzung zu Sozialstunden verurteilte junge Sofia (Jasmin Mairhofer). Sie muss erst noch lernen, warum die Geschichte, „das verstaubte Zeug“, nicht vergessen werden darf. Zusammen mit dem an Parkinson erkrankten Pfarrer Anton (Ottfried Fischer) begeben sie sich durch Tirol auf Spurensuche nach dem 1996 seliggesprochenen Otto Neururer. Die Reise ist zugleich die Geschichte ihrer persönlichen Entwicklung durch die Konfrontation mit einem unerschütterlich Guten, der gegen das absolut Böse aufgestanden war.

Regisseur Hermann Weiskopf und seinem Team gelingt es, auf zwei Erzählebenen die Hagiographie des modernen Märtyrers ebenso zu skizzieren wie dessen aktuelle Bedeutung herauszustellen – ohne sein Zeugnis politisch zu instrumentalisieren. Als Produzent hat er sich in den vergangenen 15 Jahren intensiv mit der Judenverfolgung durch die Nazis auseinandergesetzt. Dabei stellte er bislang jüdische Einzelschicksale vor. Otto Neururers „Beharrlichkeit und Menschlichkeit“ inspirierten ihn zu seinem neuesten Sujet. Die Podiumsdiskussion unter der Leitung des Künstlerseelsorgers Bernhard Kirchgessner vertiefte die Botschaft.

Für Bischof Stefan Oster von Passau wurde mit dem Streifen deutlich: „Jeder Mensch hat es in sich, ein potentieller Engel und ein potentieller Teufel zu werden.“ Das hänge auch stark von der Umgebung ab, in der hineinwachse, in der verführt werden könnte. „Wir brauchen Überzeugungen, die uns halten. Haltlosigkeit ist ein Ursprung für potentielle Grausamkeit im Menschen.“ Rhetorisch fragte er, ob aufgefallen sei, wie sehr Otto Neururer die versöhnende Geschichte lebte, die als einzige keinen Sündenbock brauche, sondern immer noch im anderen, auch wenn er der „allerletzte Typ“ sei, das Gute suche. In der Hölle von Buchenwald habe er irgendwie den Weg ins Paradies gefunden. Diese Liebeskapazität strahle aus und beeinflusse alle anderen.

„Wenn man ein bisserl aufs Herz hört, versteht man schon, wo die gute Sache liegt“, sagte Regisseur Herman Weiskopf, der mit seinen Filmen, wie er bekannte, die Menschen dahin führen möchte, diese zu erkennen. Das zeige auch die Figur der Sofia, die sich im Laufe des Films läutere.

Noch mehr als eine Sendung, viel mehr sogar als Pflicht betrachtet dies Ottfried Fischer. „Es ist jetzt ein Zeitpunkt eingetreten, an dem die Leute, wenn sie ‚Vergangenheitsbewältigung‘ hören, ‚nicht schon wieder‘ sagen. Es ist jetzt Aufgabe der Kulturschaffenden, Wege und Mittel zu finden, aus denen das ‚nie wieder‘ folgt, aber nicht die Abstumpfung.“ Er glaube daher, sagte er unter Applaus, dass der Film ein „ganz wichtiger in dieser Zeit“ immer aberwitzigerer Verbrechen sei, um aufzuzeigen, wie „die Dinge entstehen“. Dabei verwies Fischer unter anderem auf den Anschlag in Halle, wo am 9. Oktober vorigen Jahres bei dem Versuch eines Massenmordes an Juden zwei Passanten nahe der Synagoge erschossen wurden.

Der beliebte Schauspieler („Der Bulle von Tölz“) und Co-Produzent des Films bekannte sich auf der Bühne zum Beten des Vaterunser, das in „Otto Neururer – Hoffnungsvolle Finsternis“ eine herausragende Rolle spielt. Das Gebet sei eindringlich und verfüge über eine besonders verbindende Kraft. „Wenn einer noch nie etwas davon gehört hat und eine Bibel findet, wird er beim Vaterunser hängen bleiben.“

Möglicherweise erklärt dies auch die Reaktion, die Drehbuchautor Peter Mair beobachtete: „Wir waren in ungefähr 60 Kinos. Es ist kein leichter Film, aber sehr häufig haben uns die Leute gesagt, sie nehmen eine gewisse Hoffnung und Kraft mit aus diesem Film mit.“

Im Anschluss an das Ereignis verriet Ottfried Fischer im Interview mit der Verfasserin, dass es ihm seit den Dreharbeiten für den Film immer besser geht. Er hatte zuvor gerade einen viermonatigen Klinikaufenthalt hinter sich. Das Bemühen, in einer Zeit des zunehmenden Nationalismus und Antisemitismus durch sein Schaffen zu mahnen, halte ihn am Leben.

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